ADAC Perfektionstraining – Klappe, die Zweite

ADAC Fahrsicherheitszentrum Berlin-Linthe, Motorrad Perfektionstraining 2009Mein erster Versuch mit dem ADAC Perfektionstraining hatte gemischte Gefühle hinterlassen. Gute Erfahrungen aus dem Intensivtraining und das spätere Gefühl, dass das letzte Perfektionstraining doch mehr gebracht hatte, als mein Eindruck nach dem Training spiegelte, führten zu einer erneuten Buchung. Die Termine aus Hannover passten nicht, die Sehnsucht nach dem sehr schönen Rundkurs besorgten den Rest: es wurde wieder Berlin-Linthe.

Statt der von mir erwarteten 12 Teilnehmer waren es dieses Mal nur 6. Vielleicht war die Verschiebung des Termins um eine Woche der Grund dafür, ich sah es jedenfalls sehr positiv. Desto weniger Leute dabei sind, desto mehr kann sich der Trainer dem Unfug widmen, den ich auf zwei Rädern anstelle. Der Rest der Meute sah es genauso. Der Trainer war der gleiche wie beim letzten Mal – ein Sachsen-Anhalter, der frei sagt, was ihm gerade einfällt. Nachtragend schien er auch nicht zu sein: der Berliner, der meinte, das Sachsen-Anhalt doch ein großer Parkplatz sei, durfte zumindest weiterhin am Training teilnehmen. Und um den Trainer nicht ständig Trainer zu nennen, nenne ihn einfach mal J.

ADAC Fahrsicherheitszentrum Berlin-Linthe, Motorrad Perfektionstraining 2009Nach einer kurzen Kennenlernrunde, in der es neben den eigenen Erfahrungen auch um die Erwartungen und Wünsche an das Training ging und einer kurzen Luftdruckprüfung ging es schon auf das Trainingsgelände. Um es vorweg zu nehmen: die Theorie spielt im Perfektionstraining keine große Rolle mehr, dafür ist das Intensiv-Training eindeutig die bessere Wahl. Draussen lernten wir noch die Sozia von unserem Hayabusa-Piloten kennen, die auch – als Teilzeit Sozia – am Training teilnahm. Ich nenne sie mal S.

Das Training begann wie vermutlich alle modernen Sicherheitstrainings mit den üblichen Auflockerungsrunden. Normal sitzend, nur mit der linken Hand fahrend, abschnittsweise nur mit der rechten Hand, abschnittsweise freihändig, stehend, abschnittsweise stehend freihändig, Damensitz links, Damensitz rechts, auf den Knien hockend, auf dem Tank hockend, vermutlich habe ich noch irgendeine Variante vergessen – in diesen Variationen fuhren wir Kreise und Achten.

ADAC Fahrsicherheitszentrum Berlin-Linthe, Motorrad Perfektionstraining 2009So warm geworden ging es gleich an die Bremsübungen. Auf trockener Straße wurde zunehmend stark gebremst, bis irgendwann das Mopped den Diener machte. Der kleine Stoppie auf dem letzten Meter war mir zwar bekannt, dass mein Bock bereits bei einer Restgeschwindigkeit von 30 Sachen das Hinterbein spürbar hebt, hat mich doch ein wenig erschreckt – was J. gleich dazu brachte, meine Blickführung zu tadeln. Vermutlich ist die Ursache der ausgeprägten Stoppieneigung auch dem Asphalt auf dem Testgelände geschuldet, der mit seinem Reibwert von 1,1 deutlich griffiger ist als das, was die normalen Straßen bieten (durchschnittlich 0,65 – stark schwankend).

Interessant war die Messung der Verzögerung mit einem Messgerät, dass per Saugnapf oder Magnet am Tank befestigt wurde. Es zeigt neben der Geschwindigkeit, dem Bremsweg und der durchschnittlichen Verzögerung auch grafisch den Verlauf der Verzögerung an. Leider wurden nur zwei exemplarische Messungen gemacht: eine mit ABS, eine ohne. Wer immer noch glaubt, dass er ohne ABS schneller steht, sollte sich diesem Vergleich stellen. Leider hat es bei mir nicht mehr geklappt, ich hätte meine Verzögerungslinie gerne einmal gesehen.

ADAC Fahrsicherheitszentrum Berlin-Linthe, Motorrad Perfektionstraining 2009Die nächste Stunde wurden auf einem Rundkurs in einer Ecke des Trainingsgeländes Kurvenlinien geübt. Auch dieser kleine Kurs macht mit seinem Hügel, der kleinen Serpentine und der im unteren Teil langgezogenen Kurvenfahrt nach der Schikane einfach nur Laune. Mein erhabenes Gefühl, J. ohne jegliche Probleme auf seinen gefühlt flotten Runden folgen zu können, erlitt einen Dämpfer, als er uns fragte, ob wir bei ihm ein Bremslicht gesehen hätten und uns aufforderte, die Runden auch ohne Bremsen zu drehen.

J. stellte sich dann neben die Strecke, beobachtete uns und hielt den einen oder anderen an, um Verbesserungen vorzuschlagen. Vor mir fuhr jetzt der ZZR1400 Pilot, der sehr zu meinem Vergnügen auch eine flottere Gangart bevorzugte (ok, ich will ehrlich sein: er war schneller). Bevorzugt ohne Einsatz der Bremse und bevorzugt ohne Flucht ins Gelände drehten wir unsere Runden. Die Flucht ins Gelände kam im Trainingsprogramm zwar erst am Nachmittag dran, die ZZR hinterließ nach einer spontanen Einlage aber auch jetzt schon hinter der Schikane einmal eine gut sichtbare Spur im Gras.

ADAC Fahrsicherheitszentrum Berlin-Linthe, Motorrad Perfektionstraining 2009Bei mir wurde es an der gleichen Stelle später aber auch einmal enger. Anschließend fuhr ich dann auch wieder braver und ohne Bremse meine Runden. Womit sich noch die Frage stellt, wie man das Tempo abbaut, ohne die Bremse zu nutzen. Die Antwort ist simpel: fleissiges Rühren im Getriebe. Im Vierten den Hügel hinauf, vor der nicht einsehbaren Abzweigung nach rechts rechtzeitig runter bis in den zweiten Gang, indem auch ein Vierzylinder schon ganz passabel bremst.

Nach dem Mittagessen musste J. ein bisschen improvisieren. Neben uns waren noch PKW-Trainings und drei Motorrad-Intensivgruppen unterwegs, die Aufteilung des Trainingsgeländes offensichtlich nicht richtig durchdacht. J. meisterte das ganz gut, zaubern konnte er natürlich auch nicht. Es folgten Bremsübungen in Schräglage an einer Serpentine am Hügel, kombiniert mit Wendemanövern auf der Straße. Besonders spassig wurden selbige nach der Aufforderung, das Wendemanöver aus dem Stand mit eingeschlagenen Lenker zu starten.

ADAC Fahrsicherheitszentrum Berlin-Linthe, Motorrad Perfektionstraining 2009Anschließend folgten die aus diversen Trainings bekannten Ausweichübungen, später in Verbindung mit vorherigen Bremsmanövern. Als maximales Tempo waren nur 70 km/h nötig, für höhere Geschwindigkeiten hätten wir auf einem anderen Teil der Strecke üben müssen, der aber nicht frei war. Immerhin wurde auch bei den 70 km/h schon klar, dass bei dieser Geschwindigkeit die Kombination aus Bremsen und Ausweichen in der Stadt nicht sinnvoll ist. Wenn man z.B. bis auf 50 km/h abbremst und dann das Ausweichmanöver startet, würde man auf dem dafür benötigten Stück Straße auch zum Stehen kommen.

Wie auch immer: mit der Kombination, die bei Landstraßentempo interessant wird, war ich mit mir überhaupt nicht zufrieden. Eigentlich eine Übung, die bislang in jedem Sicherheitstraining vorkam – trotzdem war die Abfolge bei mir sehr holperig. Hier gibt es bei mir klar Raum für Verbesserungen. Interessant die Erfahrung, dass irgendetwas zu tun besser ist als zu überlegen, was man nun tun will. Nachdem ich beim ersten 70er Versuch auf 50 km/h abgebremst hatte, überlegte ich, ob wir nun mittig durchfahren sollen oder ausweichen – während ich noch grübelte, rubbelte auch schon das Vorderrad über die Pylonen.

ADAC Fahrsicherheitszentrum Berlin-Linthe, Motorrad Perfektionstraining 2009Wir wollten die Rüttelplatte im Kreisel, wir bekamen die Rüttelplatte im Kreisel. Ein gutes Stück davor schmiss J. noch ein Holzbrett hin, natürlich mitten in die Spur. Es war gut wieder einmal zu spüren, wie es ist, wenn in Schräglage das Hinterrad versetzt. Ansonsten dürfte die Übung für alle, die sie bereits gefahren sind, eine leichte sein. Das Brett merkt man eh nicht – zumindest nicht bei den üblichen, im Strassenverkehr gefahrenen Schräglagen.

Es folgte die Flucht über das Gelände. Im Gegensatz zum letzten Training nutzen wir diesmal eine andere Serpentine am Hügel und flüchteten über zwei Grasflächen, die aber weniger steil waren als die Stelle vom letzten Mal. Dafür war die Geschwindigkeit etwas höher. Beim zweiten Versuch habe ich mit 40 bis 50 km/h die Straße verlassen, die Rüttelei den kleinen Abhang hinunter war schon recht heftig. Direkt neben der Spur durch das Gras gab es noch eine Kiesfläche, an die hat sich aber aufgrund der unbekannten Bremswirkung und da wir nur zwei Versuche hatten, keiner gewagt.

ADAC Fahrsicherheitszentrum Berlin-Linthe, Motorrad Perfektionstraining 2009Die Krönung waren, wie beim letzten Mal, die flotten Runden um den äußeren Rundkurs. Abwechslungsreiche Kurven, einschließlich einer Mini-Serpentine hinter einer Schikane am Ende einer langen, sich zuziehenden Geraden, der Kurs ist einfach klasse. S., die den größten Teil des Nachmittags mit einem Buch in der Sonne verbracht hatte, durfte bei J. hinten drauf und der ließ sich nicht lumpen. Permanent kratzende, schon zur Hälfte abgeschliffene Fussrasten an seiner CBF – nach den zwei mal drei Runden war ihr Grinsen breiter als der Lenker einer Enduro.

Ich war in der zweiten Truppe, meine geheimen Erwartungen an das Training wurden erfüllt. Die nach der Frankreich-Tour wieder jungfräulichen Fußrasten wurden zünftig defloriert. Die linke im Tiefflug an zweiter Position hinter dem ZZR-Piloten, die rechte war in meiner letzten Runde hinter J. dran. Als Mann fühlt man sich, wenn die Rasten über den Asphalt schrabbeln, gleich so, als ob die Eier an Umfang zugenommen hätten – Frauen mögen bitte eine Analogie finden.

ADAC Fahrsicherheitszentrum Berlin-Linthe, Motorrad Perfektionstraining 2009Beachtlich und damit erwähnenswert: beim Positionswechsel mit dem ZZR’ler mussten wir auf den Reise-Enduro-Piloten warten, der hardwaretechnisch nicht folgen konnte. Dabei setzte sich S. beim ZZR’ler hinten drauf. Das hielt ihn in Kurven kaum auf, auf der Geraden hatte er mit seinem 190 PS Bock eh keine Mühe aufzuschließen. Er hielt auch mit Sozia gut Anschluss, Hut ab! S. gefiel es offenbar wieder, sie grinste erneut in voller Breite.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich etwas vergessen habe. Dieses Mal habe ich meine Notizen erst am Abend in Berlin gemacht, zu Meersalzkartoffeln am Potsdamer Platz und zwei kühlen, bleifreien Weizen. Falls einer der anderen Teilnehmer eine Anmerkung hat, unten ist das Kommentarfeld. Ein dickes Danke noch an den ZZR’ler, der uns die Videos vom Training bereit stellte, und Danke an S. und H. für die Fotos mit der EOS.

ADAC Fahrsicherheitszentrum Berlin-Linthe, Motorrad Perfektionstraining 2009Kritikpunkte am Training sind diesmal rar. Die offensichtliche Überbuchung der Anlage sorgte dafür, dass einige Übungen nicht möglich waren. Es waren Übungen auf nasser Straße geplant, dafür hat es ebenso wenig gereicht wie für die Bremsübungen aus höheren Geschwindigkeiten. Vermutlich ist ein Termin zwischen Montag und Freitag diesbezüglich besser. Die von der Website erzeugten Erwartungen konnten nicht ganz erfüllt werden.

Mir hat das Training wieder sehr viel gebracht, daher kann ich es gut verschmerzen. Den Abstand von rund zwei Jahren zum letzten Sicherheitstraining habe ich jedenfalls gespürt. Ich fühlte mich nach der Abschlussbesprechung ziemlich ausgelaugt, offensichtlich wurde ich auf den insgesamt gefahrenen rund 90 Kilometern gut gefordert. Dies ist aber etwas, was ich von einem 160 EUR teuren Sicherheitstraining auch erwarte.

ADAC Fahrsicherheitszentrum Berlin-Linthe, Motorrad Perfektionstraining 2009Da man an das, was man nicht übt, in Fall eines Falles nicht mehr denkt, dürfte ein jährliches Sicherheitstraining für mich die Regel bleiben. In 2008 hatte ich auch eines gebucht, leider fiel das aus. Zu lernen gibt es immer etwas, perfekt ist keiner, auch nach dem Perfektionstraining nicht.

Was unterschiedet eigentlich das Perfektionstraining vom Intensivtraining, wurde ich schon häufiger gefragt. Es gibt kein festes Programm, geübt wird, was die Teilnehmer möchten. Ein Intensivtraining wird vorausgesetzt, eine gute Motorradbeherrschung ebenfalls. Das Training sollte vielleicht besser Gruppen-individuelles Intensivtraining heißen, oder einfacher Intensivtraining II. Es würde besser passen.

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