Von Bremen nach Middelburg
Bremen scheint seine Gäste ungern wieder aus der Stadt zu lassen. Nachdem ich der extrem pfiffigen Beschilderung “Alle Richtungen” gen Westen aus Bremen heraus gefolgt bin, weil ich in Richtung Westen wollte, führte mich die Straße zunächst zunehmend nach Nordwesten und dann auf eine Autobahn, die im Uhrzeigersinn einmal um Bremen herum verlief. Eine gute halbe Stunde später fuhr ich in weniger als 10 Kilometer Abstand südwestlich vom IBIS Altstadthotel vorbei – weniger geduldige Menschen hätten vermutlich aufgegeben und sich in Bremen einbürgern lassen.
Beim inzwischen notwendig gewordenen Tanken kam die spontane Entscheidung: Tschüß Deutschland, ich will jetzt endlich die Niederlande sehen. Am schnellsten ging dies über die A1 in Richtung Osnabrück. Festzuhalten bleiben neben einer gemütlichen “Cruising Speed” von 160 noch zwei Anwärter auf das Arschloch der Woche. Zum einem der Torfkopp im silbernen Transporter aus RZ, der mich direkt vor einer Baustelle schnell noch rechts überholte und in die nicht vorhandene Lücke vor mir gedrängelt hat anstatt die ca. 100 Meter lange Lücke hinter mir zu nutzen. Glücklicherweise sah er auch aus wie ein Arschloch, so daß ich schon präventiv gebremst hatte.
Beim Wechsel von der A1 auf die A30 in Richtung Niederlande trat der zweite Titelaspirant ins Rampenlicht: ein Fettsack mit teigigem Gesicht in einem weißen Opel Kombi aus Oldenburg. Seine Bewerbung basierte auf dem Umstand, dass er auf Autobahnauffahrten bei Tempo 80 mit einem Abstand von knapp zwei Metern hinter Motorrädern herfährt. Sicherheit durch Abstand: ein kurzzeitiges Drehen am Gasgriff auf freier Strecke wirkt Wunder und weiße Kombis samt der enthaltenen Fettsäcke werden in den Rückspiegeln immer kleiner.
Um Punkt 11 Uhr 30 flog das “Welcome to Netherlands” Schild am rechten Straßenrand an mir vorbei. Dritter Tourtag, drittes Land – das Verhältnis war nicht verkehrt. Kurz hinter Hengelo habe ich die A1 verlassen und bin kurz auf die A35 in Richtung Süden bis zur Abfahrt Delden. Ich lag wieder gut in der Zeit und wollte etwas vom Land sehen, Zeit für die Landstraße. Die N346 führt über Delden, Goor, Lochem, Zutphen, Brummen und Dieren in Richtung Arnheim. Wie die meisten größeren Landstraßen führt die Straße selbst an den Dörfern und Kleinstädten vorbei, ich bin daher jeweils kurz von der Landstraße runter und durch die kleinen Städte durchgefahren.
Gleich in der ersten Kleinstadt Delden machte ich Stopp an einer kleinen zu einem Hotel gehörenden Brasserie vor dem Zentrum. Eine geradezu himmlische Ruhe, viel Grün, freundliche Menschen. Bestellt habe ich mir den typischen, niederländischen “Koffie”. Vermutlich war es einfach die Urlaubsstimmung, ich weiß es auch nicht: obwohl ich zum ersten Mal dort war, kam ein klein bisschen das Gefühl hoch “zu Hause” zu sein. Unerklärbar, am besten nicht weiter hinterfragen. Nach einer halben Stunde ging es wieder weiter auf die N346.
Die Tanknadel bewegte sich bereits im roten Bereich, das Kleinmachen von weissen Kombis im Rückspiegel scheint Auswirkungen auf den Verbrauch zu haben. Nun ja, dachte ich mir, es ist warm – da trinke ich auch mehr. Literpreis auf der westlichen Seite der deutschen Grenze: 1.479 EUR. Kein Zucken, kein Zögern, es war Urlaubszeit. Auf der Tankstelle fiel mir ein hochinteressanter Effekt auf: die teils gelben, teils braunen, teils grünen Flecken auf der Vollverkleidung, dem Helm und der Kombi sind deutlich größer als sonst. Da die Insekten vermutlich prinzipiell eine relativ einheitliche Größe haben, scheint es bei der Transformation in das zweidimensionale Abbild einen geschwindigkeitsabhängigen Faktor zu geben. Das Kleinmachen von weißen Kombis macht sich also auch später bei der Reinigung bemerkbar, nun denn.
Bis Zeeland war es noch eine ganze Ecke, daher fuhr ich in Arnhem wieder auf die Autobahn – Kilometer fressen. Über S-Hertogenbosch ging es die A59 entlang, im Süden von Rotterdam kurz auf die A29 in Richtung Norden und gleich die nächste Abfahrt wieder runter auf die Landstraße in Richtung Zierikzee. Willkommen in der Provinz Zeeland.
Zeeland besteht im Wesentlichen aus mehreren Inseln, die über befahrbare Dämme und Brücken miteinander verbunden sind. Direkt hinter der A29 Abfahrt geht es über den ca. drei Kilometer langen Volkerakdam und den ca. sechs Kilometer langen Grevelingendam in die Region Duiveland. Südlich von Zierikzee führt die rund fünf Kilometer lange Zeelandbrug nach Walcheren, wo sich auch Middelburg befindet, eine ca. 40.000 Einwohner große Kleinstadt, das anvisierte Ziel. Das Fahren über die Dämme verläuft zwar weitgehend ohne Kurven, hat aber trotzdem einen unglaublichen Reiz. Es ist wie Fahren über das Meer – man schaut links und rechts über das Wasser und atmet dabei frische und kühle Meeresluft über das offene Visier.
Von der “Mach-weiße-Kombis-kleiner”-Option sollte man in den Niederlanden übrigens möglichst keinen Gebrauch machen. Das Geschwindigkeitslimit liegt bei 50 innerorts, 80 auf Landstraßen, 100 auf Schnellstraßen und 120 auf Autobahnen. Mehr als 20 km/h schneller fährt praktisch kaum einer. Das Fahren verläuft damit auch ruhiger als auf deutschen Straßen.
Die Niederlande sind landschaftlich sehr schön. Speziell im Osten gibt es sehr viel grün, im Westen dann zunehmend auch mehr Kanäle. Wer möglichst viele Kurven sucht, wird vielleicht nicht ganz so glücklich – ein großer Teil der Straßen ist wie erwartet mit vielen Geraden versehen. Was mir sehr gefällt: Niederlande ist ein sehr flaches Land. Für mich ist Freiheit irgendwie auch immer mit der Weite verbunden, die ein flaches Land mit sich bringt. Wo Berge die Sicht versperren, beginnt die Enge und die Augen sitzen bekanntlich im Kopf. Ok, ich höre schon den lauten Aufschrei der Bergfans. Unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Ansichten, und das ist gut so. Das hier ist meine.
Gegen 17 Uhr trudelte ich nach 565 Kilometern in Middelburg ein. Das erste Hotel, das ich anlief, war ein günstiges, privat geführtes Familienhotel namens Roelant in einem Wohnviertel am Rande der Altstadt von Middelburg. Ich hatte Glück, es gab noch ein freies Zimmer. Das Haus ist von 1523. Alles ist etwas schief, die Treppe in den zweiten Stock selbst im nüchternen Zustand mit mehr als einem Hauch von Gefahr verbunden. Der Besitzer ist ein älterer, sympathischer Kerl. Er sah, dass ich mit dem Motorrad da war und zeigte mir gleich den Platz, wo man seinen Bock kostenlos in unmittelbarer Nähe abstellen kann. Eigentlich parkt da immer sein Nachbar, aber der würde noch daneben passen. Weiterhin gab es noch eine Karte von Middelburg sowie Tipps für die Stadtbesichtigung. Middelburg ist ein richtig nettes Städtchen, ich werde dazu noch getrennt etwas posten.

