A Friday in London

London September 2006, Underground at rush hour timesDie Berichte zu London teile ich ähnlich wie die Berichte meiner Mai-Tour auf die einzelnen Tage auf. Ich lese gerne persönliche, subjektive Reiseberichte – vielleicht gefallen diese hier dem einen oder anderen auch. Den Donnerstag abend gab es bereits hier, der Samstag und Sonntag folgt noch.

Andere Länder, andere Sitten. Ein großes “Please wait to be seated”-Schild zeigte an, dass die freie Platzwahl nicht zum Standardfrühstück gehört. Das Frühstücksbuffet selbst gefiel mir sehr gut – es war sehr spartanisch und beugte damit einer weiteren Gewichtszunahme vor – für 95 EUR die Nacht inkl. Frühstück kann man in London nicht sehr viel verlangen (mir reichte es auch vollkommen). Im englischen Nieselregen fuhr ich mit der Underground über King´s Cross raus nach Hertford, einem kleinen, netten Städtchen am nördlichen Rand von London.

Dank eines für die Besprechung angefertigten Dokuments, dass bereits die Hälfte der Fragen beantwortet hat, ging beim geschäftlichen Termin ausnahmsweise alles schneller und problemloser als erwartet. Da war dann sogar noch Zeit für einen genüßlichen Cheeseburger Lunch zusammen mit vier Kollegen in dem Silver Fox Pub in Hertford. Dort stellte ich (mal wieder) fest, dass mein englischer Wortschatz doch sehr stark auf den Beruf bezogen ist. Bei Diskussionen über den Wohnungsmarkt, Rentabilitätsvergleichen zwischen Mieten und Kaufen sowie Urlaubserfahrungen aus Mexico und Indien, kamen schnell die Grenzen im Vokabular ans Licht.

London September 2006, Bahnhof Finsbury ParkDie Atmosphäre auf der Insel empfand ich generell als sehr angenehm, die Menschen als sehr freundlich. Ich kam schnell ins Gespräch, als typisches Beispiel für viele andere sei das Schwätzchen mit dem Bahnangestellten, der im Gegensatz zu unseren nicht die ganze Zeit in seinem Kabuff abhängt, auf dem Bahnhof Finsbury Park erwähnt. Ich sah auf dem großen Übersichtsbildschim für die nächsten Züge ein nicht geschlossenes Windows Shellfenster, in dem noch die letzten beiden Kommandozeilenbefehle sichtbar waren. Ich mußte grinsen, er sah mein Grinsen, schaute zum Bildschirm und mußte auch grinsen. Anschließend hatte wir eine 10 minütige humorige Diskussion über das Thema IT Support. Ich habe aber nicht verraten, dass ich damit auch mein Geld verdiene.

Nach einem kurzen Zwischenstopp im Hotel, in dem neben einem zweistündigen Abbau des Schlafdefizits auch noch die Bürokleidung gegen charakter-kompatiblere Jeans und T-Shirt getauscht wurde, fuhr ich mit der Underground ins nah gelegene Notting Hill. Ziel war die Osteria Basilico am nordwestlichen Ende der wunderschönen Kensington Park Road. Leider war sie voll, daher ging ich zu Fuß über die mit ihren abendlichen Lichtern traumhafte (!!!) Portobello Road zurück zur Underground Station. Ich weiß nicht, ob die Straße erst nach dem Film für die Touristen so hergerichtet wurde – wenn man mich dort in dem Augenblick gefragt hätte “möchtest du hier wohnen”, hätte ich mit einem gestöhnten Ja geantwortet. Gut, möchte ich nicht – mit den im Maklerbüro gesichteten Einstiegspreisen von rund 1 Million Pfund (ca. 1.5 Mio EUR) für eine Eigentumswohnung wüßte ich, wenn ich sie hätte, vermutlich sinnvolleres anzufangen.

Kurz vor der Underground Station hielt gerade ein Doppeldeckerbus. Von dem Eindruck der Portobello Road noch überwältigt, sprang ich spontan in den Bus und setzte mich oben in die erste Reihe, um den Blick von dort ein wenig über die beleuchteten Londoner Straßen streifen zu lassen. Wie ich dort die vielen Menschen, Pubs und Cafes sah, wollte ich fast schon wieder den Wohnsitz wechseln. Im Bus suchte ich dann den nächsten Anschluß an die Underground, Ziel war der etwas verrufene Leicester Square in Soho (laut Reiseführer der Platz mit dem schlechtesten Ruf in London, genau das zog mich an).

London September 2006, Portobello road by nightDie Underground Station liegt ein paar Hundert Meter abseits vom Leicaster Square. Als ich aus der Underground Station hoch kam, wurde ich von den Menschenmengen erschlagen. Wahnsinn!!! In Braunschweig ist am letzten Verkaufssamstag vor Weihnachten weniger los. Auf dem Platz selbst war auch die Polizei präsent, es wird seinen Grund gehabt haben. Ich schob mich durch das Getümmel bis zum Piccadilly Circus, dann wieder ein Stück zurück und die Wardour Street hoch mit einem kleinen Abstecher nach Chinatown.

Unter Chinatown stellte ich mir früher immer ein kleines Stadtviertel vor, in London waren es ein-einhalb kurze Straßen (in Amsterdam noch weniger). Chinatown ist sehr touristisch, es gibt dort ein chinesisches Restaurant neben dem nächsten, die besseren soll es aber ausserhalb von Chinatown geben. Aus meiner Sicht sehr untypisch und damit wieder interessant ist die Bar in der Mitte der Straße, die in die Wardour Street mündet. Modernes Design, Mucke vom DJ, eine Empore mit Tischen – mir gefiel sie.

Ich lief zunächst die Wardour Street weiter hoch, um das thailändische Restaurant ‘Busaba’ zu suchen. Es soll dort exzellente thailändische Küche geben, weiterhin sitzt man nicht alleine sondern wird mit anderen Gästen zusammen an einen großen Tisch gesetzt. Das Lokal ist dafür bekannt, dass sich an den Tischen bunte Gespräche entwickeln, ich finde die Idee einfach gut. Leider zeigte mir die Warteschlange vor dem Lokal, dass es vermutlich auch Samstag mit einem Platz nichts werden würde.

London September 2006, Street to Leicester SquareIch ging die Wardour Street wieder etwas runter und bog dann in das Straßengeflecht mit den Hunderten von Pubs, Bars, Cafes und Restaurants ab. Der erste Stopp war die Bar Italia in der Frith Street. Sie ist von aussen unscheinbar, hatte aber noch einen kleinen Tisch draussen frei. Bei einem Sandwich und einem der besten Cappucinos, die ich bislang geschlürft hatte, genoß ich die Atomsphäre und beobachtete das Gespräch zwischen einem Polizisten und einem Motorradfahrer. Andere Länder, gleiche Sitten – kein Verständnis für eindringlichen Sound und individuelle Parkmethoden… Unschön an der Bar Italia: irgendwann wurde abrupt kassiert und die damit frei werdenden Tische schlagartig abgebaut.

Ich hatte im Vorfeld geplant in London in einem der zahlreichen Clubs ein bisschen abzurocken. Mein Problem war, dass ich beim Googlen mit Suchergebnissen erschlagen wurde und es nicht einfach war, das Interessante zu entdecken und rauszupicken. Im Vorfeld liessen die beruflichen Aktivitäten leider kaum Zeit für die Recherche, daher hatte ich nur eine Handvoll Namen im Kopf. Einer davon war die Bar Rumba. Sie befindet sich in der Shaftesbury Avenue, gleich neben dem Trocadero in der Nähe des Piccadilly Circus.

Vor der Bar befanden sich zwei nicht allzu große Schlangen, ich stellte mich zur kürzeren. Viel Security am Eingang, viele wurden abgetastet, ich sah wohl vertrauenserweckender aus. Der Typ vor mir wurde nicht reingelassen, weil er vor einigen Wochen dort beim Kiffen erwischt wurde – harte Regeln. Die Bar befindet sich in einem Keller, ist kleiner als erwartet und bietet auch nur eine Tanzfläche. Kurz und einfach beschrieben: black music, black people – jedenfalls die Mehrheit. Die Stimmung war gut, die Atmosphäre interessant, Black Music ist aber nicht so ganz mein Ding.

London September 2006, Food & Wine shop near FarringtonEs war kurz vor Mitternacht, mein Fuß wippte im Takt, was sollte ich tun? Ok, auf zum Fabric. Mit der randvollen Piccadilly Line raus zum King’s Cross, mit der Circle Line weiter zur Farrington Station. Gegenüber der Underground Station ist ein kleiner Laden, der, wie viele andere Kiosk-artige Läden in London, auch Obst anbietet. Ich weiß nicht, ob er wirklich Tag und Nacht auf hat, an der Kasse hing jedenfalls eine 24h Lizenz. Mit einem Apfel in der Hand ging ich zu Fuß weiter.

Das Fabric befindet sich in der Charterhouse Street, die man über die Cowcross Street erreicht. Als ich auf die Straßenecke, ein kleiner Platz, zuging, wunderte ich mich, warum so viele Leute vor dem Starbuck stehen. Es war Mitternacht und die Starbacks schließen bekanntlich am späten Nachmittag, der in London hatte auch schon zu. Egal, ich ging dran vorbei um knapp 100 Meter später festzustellen, dass die Schlange vor dem Fabric endete. Wie bitte – da standen um Mitternacht 200 bis 300 Leute, um ins Fabric zu wollen? Ich sprach kurz mit einem von der Security, er faselte etwas von einer Stunde Wartezeit.

Die Aussicht auf verschiedene Tanzflächen mit unterschiedlichen Musikstilen veranlaßten mich, mich erst einmal hinten anzustellen. Es ging stückweise vorwärte, nach kurzer Zeit schwatzte ich mit einem Ü30 Londoner, der auch zum ersten Mal ins Fabric wollte. Als es um die Ecke in die Charterhouse Street ging, blickte ich ein letztes Mal zurück. Ein letzter Versuch die Menschenmenge abzschätzen – zwanzig Leute abzählen, 100 sind das fünffache, wie lang ist die Schlange? – ich tippte auf ungefähr 400 Leute. Zu dieser Zeit lief einer von der Security an der Schlange vorbei: “Club is full – one out, one in” – ok, ab jetzt ging es langsamer.

London September 2006, Nightbus towards Oxford StreetKurz nach zwei war ich dann endlich drin. Drei Tanzflächen und ein Kellergewölbe in einem geilen Endzeit-Industrie-Look. Durch eine schwache Beleuchtung ist der Club weitgehend dunkel gehalten. Es gibt viele Ebenen, die über schmale und breite Treppen miteinander verbunden sind – auf den breiten Treppen ist eine Hälfte meistens durch Leute, die dort sitzen, belegt. Ein großer Raum und zwei kleinere sorgen zusammen mit zahlreichen, kleinen Emporen für insgesamt immer noch zu wenig Fläche, auf der man tanzen kann. Wohlgemerkt, die Betonung liegt auf kann. So cool wie ich die Atmosphäre empfand, so beschissen fand ich die Musik. Die Musik war zwar zwischen den drei Tanzflächen leicht unterschiedlich, in allen drei Fällen war es aber für meinen Geschmack nur ein stupides, monotones Gehämmere. Drumm & Bass, Trance, was weiß ich – das Fabric hätte ich mir schenken können.

Es ging auf drei Uhr zu – meine Erinnerung an meinen Kontostand sagte mir, dass der Bus dem Taxi vorzuziehen ist. Ich hatte einen Übersichtsplan mit den Nachtbussen in dem Jacket, brauchte ihn aber nicht. Man geht einfach zu einer Bushaltestelle, schaut welche Nachtbusse dort ankommen und wohin sie fahren und fährt bis zum nächsten zentralen Punkt mit, der einen näher an das Ziel bringt. Dort angekommen wiederholt man das Spiel. Die Busse fahren in einem Zyklus von 10 bis 15 Minuten, neben den Nachtbussen (Linie beginnt mit einem ‘N’) gibt es auch zahlreiche 24h Linien mit einem ähnlichen Zyklus.

Manche Bushaltestelle haben ein rotes ‘Request Stop’ Schild. Wenn man dort nicht den Arm raushält, fährt der Bus vorbei. Das ist so, das weiß ich jetzt. Ansonsten kann ich nur sagen: irgendwie zeugt es von einem aktiven Nachtleben der Stadt, wenn ich Samstag morgens um 3:40 Uhr in einen gerammelt vollen Bus in Richtung Kensington steige und gerade noch an der Vordertür einen Platz ergattern kann.

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