9 Stunden Mallorca

Mallorca, WestküsteMontag morgen hin, drei Tage volles Programm, Mittwoch abend wieder zurück – soweit zur dienstlichen Planung. Meine sah vor, die Kollegen am Mittwoch abend alleine zurückfliegen zu lassen, den Abend durch Palma zu schlendern und am Donnerstag mit einem schnuckeligen Motorrad um die Insel zu rollen.

Mallorca, Straße an der WestküsteDie Internet-Recherche führte mich, u.a. getrieben von der Unlust, mit einer 125er die Küste entlang zu kreischen, zu dem Motorrad-Verleih Rent Zoom Mallorca am Balneario 4 im Osten von Palma. Wer von Balneario 4 auf Ballermann schließt, liegt nicht verkehrt. Meine Meinung zu diesem Ort hat sich übrigens in einem Punkt geändert: einmal gesehen haben muß man das, zumindest für zwei bis drei Minuten. Schilder am Straßenrand mit Hinweisen auf landestypische Lokalitäten wie z.B. Bierkönig, Almrausch, Bierstadel oder Oberbayern, schön bunt bemalt und meistens mit dem volkstümlichen bayrischen weiß-blau besetzt – das Taxi hielt ungefähr zu dem Zeitpunkt, an dem ich verzweifelt aufschreien wollte. So ähnlich stelle ich mir ein Ganzjahres-Halloween vor.

Vergleich: GSX750F vs. V-Storm DL650

Bei dieser Gelegenheit kurz ein sehr subjektiver Vergleich zwischen der eigenen Suzuki GSX750F und der V-Storm 650:

Im Vergleich zu der für einen Sporttourer typischen, leicht nach vorne geneigten Sitzhaltung mit etwas höher liegenden Fußrasten auf der GSX750F sitzt man auf der V-Storm aufrecht, durch den breiten Lenker ist das Fahren sehr entspannt. Die V-Storm empfand ich im Stand als etwas schwerfällig, was aber auch mit der höheren Sitzposition zu tun haben kann. Beim Fahren war die V-Storm sehr handlich, das sehr neutrale Fahrverhalten war speziell in den engen Serpentinen hilfreich. Offensichtlich hat die kleine V-Storm den Alpenmasters in der MOTORRAD Zeitschrift nicht ohne Grund zum zweiten Mal gewonnen.

Suzuki V-Storm DL650Die entspannte Sitzhaltung hat auch ihre Nachteile: das Feedback beim Fahren ist aus meiner Sicht deutlich geringer als mit der GSX750F. Weiterhin liegen die Fußrasten sehr tief: trotz zurückhaltender Fahrweise habe ich die rechte Fußraste in einer Serpentine nicht nur angeschrabbelt sondern fast im Teer versenkt (mit der 750er bin ich flotter unterwegs und dort ist die rechte Fußraste noch jungfräulich). Die Reifenhaftung ist durch das gröbere Profil deutlich schlechter, die Bremswege damit (gefühlt) auch länger.

Für die Mallorca-Tour war die V-Storm eine sehr gute Wahl. Gerade auf den weniger guten Straßen dürfte sie deutlich komfortabler als die GSX750F sein, bei der die Arme im niedrigen Geschwindigkeitsbereich sich doch noch sehr stark auf dem M-Lenker abstützen müssen. Zu Hause möchte ich meine GSX750F nicht missen.

Zurück zum Angenehmen: meine Wahl fiel auf eine Suzuki V-Storm DL650, eine von einem V2 angetriebene Reiseenduro (mehr Reise als Enduro). Den Koffer konnte ich im Geschäft deponieren, einen Helm ausleihen, Handschuhe hatte ich mit und die Knie und Ellenbogen wurden notdürftig mit Skating-Protektoren geschützt. Flottes Fahren war damit natürlich tabu, aber bei “Blümchenpflücker-Geschwindigkeit” sieht man dafür von der Insel mehr.

Mallorca, WestküsteMein Interesse galt der Westküste, an der sich ein Gebirgszug bis in den Norden der Insel hochzieht. Vom Motorrad-Verleih fuhr ich über die Schnellstraße bis nach Palma, dort am Hafen entlang und dann in Richtung Süden bis Magaluf. Nach einem kurzen Abstecher zur Küste bei Sol de Mallorca ging es über Santa Ponça und Costa de la Calma auf die C-719 in Richtung Andratx. Dort beginnt die C-710, die sich die Küste in Richtung Norden hochzieht.

Mallorca, Straße an der WestküsteC-710 … was für ein schnöder Name für eine derartige Motorradstrecke. Ein Asphalt, von dem viele deutsche Landstraßen nur träumen können und Kurven, die man nach kurzer Zeit nur noch inhaliert. Die engen Kurven sind mittels langgezogener Kurven miteinander verbunden, ab und an gibt es auch mal ein kurzes, gerades Stück. Fragt mich bitte nicht, wie dort die Gegend aussieht – ich habe anfangs nicht darauf geachtet. Nach einigen Kilometern tauchte auf der linken Seite die Küstenlinie auf, an der das Gebirge endet.

Mallorca, Straße an der WestküsteKurz vor Valldemossa zweigt links eine kleine Straße nach Port des Canonge ab. Wer mit dem Motorrad unterwegs ist: ABBIEGEN! Es folgt eine Straße, die über gut 10 Kilometer in die Steilküste eingeschlagen ist und zu einem kleinen Dorf am Meer runterführt. Die Warnschilder ‘Steinschlag’ sind hier etwas ernster zu nehmen, ab und zu liegen ein paar Kullermänner auf der Straße. Schnelles Fahren ist absolut tabu, da es hinter der notdürftigen Straßenbegrenzung ab und an auch mal ein paar Stockwerke oder mehr quasi senkrecht bergab geht. Direkt am Meer unten gibt es hier auch eine Bar, Hunger und Durst lassen sich dort stillen.

War die Strecke runter schon ein Gedicht, hoch ist sie noch besser. Über die C-710 ging es dann weiter in Richtung Norden an Soller und an dem Südwasser-Reservoir der Insel vorbei bis kurz vor einer Brücke eine Straße links in Richtung Sa Calobra abzweigt. Wer dem Orgasmus auf der Straße nach Port des Canonge entgangen ist, hier läßt er sich nicht mehr aufhalten. Eine gut ausgebaute Straße, die sich in einem Gebirgseinschnitt über endlose Kurven, u.a. auch dem berüchtigten Krawattenknoten (Nus de Sa Corbata), runter zum Meer windet. Irre, absolut irre.

Mallorca, Straße runter zu Port des CanongeAuf der Rückfahrt – wie meistens machen die Kurven bergauf mit dem Motorrad noch mehr Spaß – war die Straße gesperrt. Wie üblich bin ich am Stau vorbei nach vorne gerollt und habe mich neben einem Biker-Paar in die erste Reihe gestellt. Man hörte es quietschen, irgendwann kam um die letzte Kurve vor der Absperrung ein mattschwarz abgeklebtes Auto gefahren, dass mit diversen Gestängen und Kameras bestückt war. Die Reifen sahen breit und mitgenommen aus, der Motor klang wie etwas, was Freude macht. Der Wagen drehte, stellte sich hinter der Kurve neben ein glänzend schwarzes Etwas, dass irgendwann mit aufheulendem Motor nach vorne schoß. Das mattschwarze Ding kreischte kurz auf, war vor der nächsten Kurve vor dem glänzend schwarzen Etwas, ließ es nach danach wieder vorbei um vor der übernächsten Kurve wieder davor zu sein. Oben angekommen sah ich das glänzend schwarze Etwas, ein 5er BMW mit laut Typenschild dicken Motor unter der Haube. Ich würde den Mattschwarzen nehmen.

Mallorca, Platja Es TrencEin Blick auf die Uhr stellte mich vor die Frage, ob ich die Insel bis zur Nordspitze abfahre oder lieber noch ein knappes Stündchen am Strand einwerfe. Ich entschied mich für den Strand. Zur Auswahl standen Platja El Mago südlich von Magaluf, Cala Torta bei Artà und Platja Es Trenc an der Südküste auf der Ostseite von Ses Covetes. Letzterer liegt relativ nah bei S`Arenal, wo die Ballermann-Gruselmeile beginnt. Über Lluc, Inca, Sencelles, Montuiri, Porreres und Campos fuhr ich bis Ses Covetes und trabte dann an den Sandstrand der relativ großen Bucht.

Mallorca VideoDer Platja Es Trenc gefiel mir sehr gut. Er ist zwar nicht so breit wie z.B. die Strände an der französischen Atlantikküste südlich von Bordeaux, an einigen Stellen liegen auch angeschwemmtes Meerespflanzen rum, aber die Atmosphäre ist sehr schön. Ob man mit oder ohne Badekleidung am Strand liegt oder schwimmen geht, ist jedem selbst überlassen – die Aufteilung am späten Nachmittag war grob geschätzt 50/50. Kein “indirekter Gruppenzwang”, keine irritierten Blicke von Textilierten – jeder wie er will.

In dem Foto Album habe ich einen Ordner mit ausgewählten Mallorca-Fotos angelegt, für interessierte Motorradfahrer findet man dort auch Aufnahmen der Straßen. Wer auf die hier im Posting abgebildeten Bilder klickt, springt direkt zu dem entsprechenden Foto aus der Galerie. Das letzte Foto unten links verweist auf ein kleines Video, dass ich während einer Jeep-Tour am Dienstag in den Bergen aufgenommen habe, um einen kleinen Eindruck von den kurvigen Straßen zu vermitteln. Die Nacht-Fotos in der Galerie sind bei meinem Abendspaziergang durch Palma am Mittwoch abend entstanden.

19 Kommentare zum Artikel “9 Stunden Mallorca”

  1. Sag mal, was machst Du für einen Job!?! Du kommst ja mächtig iel rum!!!

  2. Wir waren im letzten Jahr auf Mallorca und versuchten zweimal, Valdemossa zu besuchen. Zu beiden Gelegenheiten gingen derartige Gewitterstürme auf das wunderbar gelegene Ö?rtchen nieder, dass wir unser Auto um keinen Preis der Welt verlassen hätten. Direkt vor uns schlug ein Blitz in einen Strommast, die Kiste wackelte und die Kinder begannen panisch zu schreien. An Valdemossa haben wir also keine gute Erinnerung, aber im nächsten Jahr wagen wir einen neuen Versuch. Dir scheint der Wettergott allerdings mehr als wohlgesonnen gewesen zu sein … Tja, jeder wie er es verdient.

    • In Valldemossa war ich am Dienstag auf der Jeep-Tour gewesen, mit dem Motorrad bin ich vorher abgebogen. Wenn du Bilder von dem Städtchen bei Sonnenschein haben willst: es sind die Bilder von diesem bis zu diesem. Ich hätte mich da auch gerne hingesetzt und irgendwo ein Eis geschleckt, doch der Zeitplan für die “Teamarbeiten” war leider zu eng. Viel gesehen habe ich von dem Städtchen leider auch nicht, die Bilder sind “im Laufen” entstanden.

    • Ein Grund mehr für dich, beim nächsten mal etwas mehr Zeit mitzubringen. Nach-, Vor- und Nebensaison sind Zeiten, zu denen wir leider erst in ein paar Jahren wieder verreisen können. Herrlich menschenleer und manchmal sogar ein bisschen morbid sind deine Fotos …

    • Morbid? Aha … wieso? Welche? ;-)

      • Na die 4601, 4880 oder 4641 zum Bleistift. An der 4866 links standen wir auch, da ist der Blick auf den See in einer Mondlandschaft, nicht wahr? Du solltest deine Bilder betiteln!

      • Die 4866 ist von der gleichen Stelle aufgenommen wurden wie die 4864.

        Jetzt weiß ich auch, was du mit morbide meinst. Ich nehme auch gerne Motive auf, die die mehr den “Alltag” darstellen, abseites der Postkartenansichten.

        Bildtitel sind schön, aber auch viel Arbeit. Wenn ich zwischenzeitlich Langeweile habe, was allerdings sehr selten vor kommt, habe ich mich auch schon vereinzelt hingesetzt und ein paar Bilder betitelt. Ich beantrage längere Tage…

  3. Ich bin jetzt sprachlos. Du warst einfach mal ebenso auf meiner geliebten Insel, an Flecken, die mir sehr wohl bekannt sind? Der Neid blitzt nur so aus meinen Augen. ;>

    • Wenn ich gewußt hätte, dass ich mich auf deiner Liebe rumtreibe, hätte ich natürlich vorher gefragt ;-)

      Ich war bislang noch nicht auf dieser Insel gewesen. Darum auch der angehängte Urlaubstag um wenigstens einmal ein paar Eindrücke aufzuschnappen.

  4. Toller Bericht! Meine Freundin und ich wollen auch bald mal auf die Insel und natürlich auch ein Motorrad ausleihen. Da kommt der Artikel gerade recht! :)

  5. Hi Mephisto. Ziehe in betracht mir Mallorca ende Mai anzusehen. Da ich das mit dem Motorrad möchte, hatte ich nach einem Verleih ausschau gehalten und bei dieser Gelgegenheit auf deinem “Bericht” gestoßen. Jetzt kann ich kaum noch abwarten. Super Bericht.
    Danke

    • Ich bin zwar nicht gerade der große Malle-Fan, die Westküste ist aber für das Motorradfahren wie gemacht und für ein bis zwei Wochen bietet die Insel auch sonst genügend schöne Stellen.

      Ich war Ende letzten Jahres noch einmal dort und bin dann den Rest der Westküste bis zur Nordspitze gefahren, allerdings mit der Dose. Auch das lohnt sich. Die Nordspitze ist im Gegensatz zu dem restlichen Teil der Westküste sehr karg und steinig, die Straße schön geschwungen :-)

      Viel Spaß.

    • Hätte noch eine Frage: Kann man die entsprecende Ausrüstung wie Anzug/Jacke/Hose oder Ö?hnliches (Helm war ja mögelich schriebst du) dort mit ausleihen? Denn im Flieger mit Motrradoutfit wird wohl warm und sieht lächerlich aus, und im Koffer ist dafür kaum Platz.

      • Den Helm kannst du ausleihen, was der Händler sonst anbietet, würde ich vorher telefonisch erfragen. Zumindest bei denen in unmittelbarer Nähe des Ballermanns kannst du davon ausgehen, dass sie in der Regel deutsch sprechen.

        Handschuhe hatte ich dabei, einen Haarschutz würde ich auch mitnehmen (ich hatte die Kapuze meiner Jacke genutzt). Ich hatte mich mit Skate-Protektoren beholfen, deren Schutz war aber mehr Schein als Sein. Beim nächsten Mal würde ich vermutlich meine Kombi in eine extra Reisetasche packen und mitnehmen (oder leihen, wenn es geht).

        • Werde die erforderlichen Klamotten mitnehmen. Halt “Handgepäck”. Helm in die andere Hand, wird schon gehen, denn Inselbesichtigung mit Auto wär für mich nicht mal halb so schön.
          Wünsche dir bei all deinen folgenden Unternehmeungen/Reisen soviel Freude, wie du sie bei deiner ersten Mallorcarundfahrt scheinbar hattest. Dein Bericht dazu ist so mitreißend, dass ich meine nur angedachte Idee, in die Tat umsetzen werde. Ich freu mich riesig darauf.

        • Lass mal hören, wie es bei dir war. Wünsche dir jedenfalls strahlenden Sonnenschein bei nicht zu hohen Temperaturen.

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