10. Erotischer Salon in Berlin

berlin sodaclub 10. Erotischer Salon in BerlinJetzt habe ich zwar schon viel über meinen Besuch in Berlin geschrieben, nur über den eigentlichen Grund für den Besuch noch nicht. Ich bin im Herbst letzten Jahres über das Feigenblatt-Magazin auf den Erotischen Salon gestoßen, eine Talkshow rund um die Themen Erotik und Sexualität. Die Berichte über die Talkshows klangen interessant, das Hotel in Berlin für den Februar-Termin war schnell gebucht.

Die Talkshow wird von Silke Maschinger und Enno E. Peter moderiert. Beide beschäftigen sich wenig überraschend auch abseits der Talkshow mit den Themen Erotik und Sexualität. Während Frau Maschinger unter dem Titel Coaching für mehr Lust im Leben beratend tätig ist, betätigt sich Herr Peter neben der Marketingberatung auch als Mitherausgeber von Erosa, einem Online-Magazin für erotische Literatur.

Der 10. Salon fand wieder im Soda-Club in der Kulturbrauerei statt. Im Erdgeschoß befindet sich ein Raum mit vielleicht 100 Sitzplätzen und einer kleinen Bühne. Wie bei vielen anderen Kleinkunstbühnen auch ist eine kleine Theke vorhanden und alles sehr einfach, aber gemütlich gehalten. Vor der Bühne standen einige Stuhlreihen, ich konnte mir noch einen Barhocker direkt an der Theke ergattern. Auf der kleinen Bühne standen drei Sessel, die Atmosphäre war durch und durch stimmig.

Schwesternschaft der Perpetuellen Indulgenz

Der erste Gast war Schwester Luise von den Nonnen der perpetuellen Indulgenz. Direkt übersetzt wären es Schwestern des immerwährenden Ablass, gemeint ist der Wunsch nach immerwährender Freude, womit wir auch schon beim Thema wären. Womit sich Menschen Freude machen können, muß auf einem erotischen Salon nicht erläutert werden – damit diese Freude auch andauernd ist, engagieren sich die Nonnen in dem ehrenamtlichen Projekt zur Aidsprävention und dabei natürlich auch dem Schutz vor Geschlechtskrankheiten.

erotischersalon10 schwesterluise 10. Erotischer Salon in BerlinSchwester Luise, die im richtigen Leben ein Er ist und Medizin studiert, brachte es schnell auf den Punkt. Sie, also er, hätte überhaupt kein Verständnis dafür, dass ein Mensch “für einen Moment der Geilheit sein Leben auf das Spiel setzt”. Während nach den diversen Spots in den 80er Jahren ein klarer Trend der HIV Infektionen nach unten zu beobachten war, ist heute wieder ein klarer Trend nach oben zu erkennen. Dies betrifft zwar weiterhin schwerpunktmäßig Homosexuelle, aber auch zunehmend Heterosexuelle und hier insbesondere sehr junge Menschen.

Der Orden wurde Ende der 70er Jahre in San Francisco gegründet. Ursprünglich wollte man den Menschen einfach etwas Freude machen, für einen Bingo-Abend suchte man eine Verkleidung. Es gab damals nur Nonnenkostüme, diese wurden dann zum Markenzeichen. Mitmachen können Mann wie Frau, ausser einer “karikativen Meise” wird nichts weiter benötigt. Die Nonnen ziehen abends durch die Kneipen und verteilen Kondome, für eine professionelle Beratung wird auf andere Stellen verwiesen. Der Orden finanziert sich durch privates Geld und Spenden, weltweit engagieren sich inzwischen 3000 bis 3500 Menschen in selbigem.

1. Berliner Seitensprung Agentur

Der zweite Gast war Thomas Bahner, der 1995 die erste Seitensprungagentur in Berlin gegründet hat, laut eigener Aussage die erste in Deutschland. Seitensprungagenturen gibt es inzwischen viele, zusammen mit den professionellen Alibi-Anbietern sowie der ebenfalls professional durchgeführten Überwachung der Ehepartner wird damit die Untreue als Wirtschaftsfaktor im Land etabliert. Ursprünglich entstanden ist die Seitensprungagentur aus einer Agentur für Singles. Irgendwann stellte man fest, dass nicht jeder Single Single ist und bot dann eine Lösung für den offensichtlichen Bedarf.

Im Gegensatz zu den diversen Internet-Dienstleistern auf dem gleichen Gebiet müssen Männer persönlich vorstellig werden, um in die Datenbank aufgenommen zu werden – für Frauen entfällt dieser Schritt (für mich nur teilweise nachvollziehbar). Weiterhin wurde ein Mindestalter von 28 Jahren eingeführt, weil es zu viele Anfragen von jungen Männern gab, um diese alle vermitteln zu können. Derzeit sind ca. 1000 Kunden angemeldet, davon ungefähr 2/3 Frauen. Männer zahlen 150 EUR für 3 Monate, dafür gibt es drei Vermittlungen pro Woche – Frauen werden kostenfrei geführt, vermutlich ist dies der Hauptgrund für das ungleiche Verhältnis. Der Übergang zu den Partnerbörsen ist prinzipiell fliessend, da weder hier noch da geprüft wird, ob jemand gebunden ist. Die Unterscheidung liegt mehr in der Erwartungshaltung der Kunden.

erotischersalon10 moderation 10. Erotischer Salon in BerlinWährend bei den Frauen der Altersschwerpunkt zwischen Ende 30 und Ende 40 liegt, fängt das Spektrum bei Männern jünger an und hört älter auf. Wer seine Chancen erhöhen möchte: nichtrauchende Frauen suchen meistens Nichtraucher, die meisten Frauen mögen keinen Vollbart und Akademikerinnen suchen meistens Akademiker, damit man sich nach dem Fick auch noch gepflegt unterhalten kann. Männer sind hier toleranter, die akademische Vorgabe gibt es nur bei den wenigsten Akademikern. Nun ja, wer gleich nach dem Orgasmus wegschlummert…

Erotischer Schmuck von Inasaja

Kurz vor der Pause wurde auf die Erotic Art Gallery Inasaja hingewiesen, die vor Ort auch eine kleine Auswahl anbot. Es handelt sich dabei um eine Kunstgalerie in Dresden für erotische Kunst, die ihre Objekte auch über das Internet anbietet. Derzeit bieten gut 30 Künstler eigene Kreationen an, die Preise sind so vielfältig wie das Angebot. Es gibt gemalte Bilder, Zeichnungen, Skulpturen, Plastiken, Keramiken, Schmuck, Fotografien, Reproduktionen und Kurioses. Als Beispiel sei ein offener Ring erwähnt, bei dem das eine Ende wie in Penis geformt war, das andere wie eine Vagina. Wenn man den Ring zu drückt…

Chuluaqui-Quodoushka

Die beiden nächsten Talkshow-Gäste waren Johanna Nickl und Karsten Guschke. Sie sprachen über Chuluaqui-Quodoushka, das einen schamanischen Zugang zur Sexualität bieten soll. Der Ursprung ist indianischer Natur. Ca. 1250 vor Christus wurde die “Klapperschlangenschule” gegründet und später in “Geflochtene Haare” umgenannt (Haare bedeuten Wissen). Mit der Definition von Schamanismus tut sich schon die Wikipedia schwer. Herr Guschke versuchte es so zu erklären, dass in den meisten bekannten Religionen ein “Führer” verkündet, wie etwas funktioniert, der Schamanismus dagegen anleitet, es selbst zu erkunden.

erotischersalon10 seitenblick 10. Erotischer Salon in BerlinDie Basis ist eine energetische Sichtweise. Sexualität läßt Schöpfungsenergie entstehen, die man nutzen möchte. Die männliche Energie ist aktiv und gerichtet, die weibliche kreativ und empfänglich. Die Lernphase erfolgt in mehreren Stufen. In der ersten Stufe beschäftigt man sich mit sich selbst. Als Beispiel wurde ein Rad erwähnt, auf dem acht Schwanztypen gezeigt werden. Jeder Schwanztyp hat seine Vorteile – wer meint einen zu kleinen zu haben, kann hier Komplexe abbauen. In der zweiten Form wird die Paarsicht beleuchtet – hier geht es um Beziehungsformen und -verträge. Die dritte Stufe versucht die sexuelle Energie magisch zu nutzen. Als Übung wurde der ‘Feueratem’ erwähnt, die Erzeugung eines Ganzkörperorgasmus durch Atmung. Der Grundsatz “glaube nichts, probiere es aus” erinnert mich etwas an den Buddhismus, das Ziel ist ein glücklicheres, harmonischeres Leben.

Ich fand die Darstellung insgesamt etwas wirr, der Bezug zur Sexualität blieb für mich unklar, jedenfalls der praktische Nutzen. Weiterhin empfand ich die Darstellung manchmal etwas gehemmt, dies kann aber auch gut an der durchaus verständlichen Bühnennervosität in Kombination mit meinen Verständnisproblemen gelegen haben. Mich hat dieser Vortrag jedenfalls nicht weitergebracht. Gut fand ich die Frage aus dem Zuschauerraum, wie man sich zu Tantra abgrenzt. Herrn Guschke meinte, dass Chuluaqui-Quodoushka einen eher materialischen Ansatz hat, Tantra dagegen einen starken rituellen, sinnlichen. Gut, für mich hat Sex sehr viel mit Sinnlichkeit zu tun, da ist mir dann Tantra einfach näher.

Burlesque Striptease

erotischersalon10 striptease 10. Erotischer Salon in BerlinFür den krönenden Abschluß sorgte Frau Feucht mit einem Burlesque-Striptease. Während mir die zweite Hälfte dieser Wortschöpfung nicht unbekannt war, mußte ich die erste erst nachschlagen. Die Wurzeln des Burlesque-Striptease stammen aus dem Jahr 1860, als Lydia Thompson in London den Striptease mit ihrem rasanten Spiel mit Körper, Erotik und frechen Sprüchen populär machte. Heute wird die Bezeichnung auch gerne verwendet für einen Striptease, bei dem die Frau nicht ganz dem allgemeinen Schönheitsideal entspricht (New Burlesque).

Frau Feucht, von Frau Maschinger als Berliner Ostpflanze angekündigt, braucht sich um ihr Bild keine Sorgen zu machen. Über drei Musikstücke hinweg entledigte sie sich aufreizend ihrer Garderobe (bis auf Slip und Schuhe). Schöne Rundungen an den richtigen Stellen, viel Witz, viel Erotik – ihr Auftritt war die reinste Wonne. Ich wäre gerne Talkmaster gewesen: dieser durfte zum Abschluß einen Schoko-Bonbon mit seinem Mund von ihrer rechten Brust aufnehmen. Diesen kaute er dann genüßlich während seine Hände etwas umfassten, was Männerhände sehr gerne umfassen.

Persönlicher Eindruck

Inhaltlich empfand ich die Interviews durchweg interessant, auch wenn mir der schamanische Zugang verschlossen blieb und ich daher ein Thema vermißt habe, dass mich direkt weiter bringt. Das Rahmenprogramm aus der Kunstgalerie und dem Striptease war mehr als eine Ergänzung zu den Interviews, dadurch wurde die Talkshow zu einer vergnüglichen Veranstaltung rund um die Themen, die die Würze in das L(iebesl)eben bringen. Die Moderation war frech und witzig und folgte keineswegs einem starren Programm, sondern ging auch flexibel auf die Antworten der Gesprächsgäste ein. Die Gespräche waren, von der verständlichen Bühnennervosität des einen oder anderen Gastes abgesehen, frei und ungezwungen.

Meine Erwartungshaltung eine Talkshow zu genießen, bei der die Gespräche nicht durch einen Massenmedien-gerechten FSK16 Filter kastriert wurden, wurde voll und ganz erfüllt. Die Atmosphäre war sehr locker und ich empfand es auch als sehr erfrischend, wie auf Kommentare und Fragen aus dem Zuschauerraum eingegangen wurde. Auch hier war die Sprache in der Regel sehr direkt. Zwei Zitate, die mir ein besonders breites Grinsen ins Gesicht schlugen, werde ich in den nächsten Tagen hier noch veröffentlichen.

Der nächste erotische Salon findet am 19. April statt, wieder im Soda-Club. Eines der Themen wird eine Vibratoren-Parade sein, die anderen gibt es wie üblich zu gegebener Zeit auf der Website. Den Termin habe ich mir vorgemerkt.

PS: alle Fotos bis auf das oben links mit freundlicher Genehmigung von Frau Maschinger (Foto-Studio: Marpelsens). Einen Bericht vom 8. Erotischen Salon gibt es bei Lustgespinst.

Ein Kommentar zum Artikel “10. Erotischer Salon in Berlin”

  1. Der 11. Salon findet übrigens am 19.04.07 statt!

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