Die Hügel im Süden von Berlin
Normalerweise bin ich ja ein Nachtmensch. “Wer an freien Tagen vor 9 Uhr aus dem Bett fällt, hat anscheinend eine langweilige Nacht gehabt”, habe ich schon häufiger gesagt – je nach Tageslaune beherrsche ich diesen Leitspruch auch mit der Angabe 10 oder 11 Uhr. Es ist schon seltsam: wenn ich eine größere Tour plane, wache ich morgens nicht nur automatisch auf, sondern dies auch noch zu unmenschlichen Zeiten. Am Freitag morgen wurde ich wach, schaute auf die Uhr, schüttelte den Kopf und drehte mich um. Dieser Vorgang wiederholte sich dreimal – um halb neun saß ich dann am Frühstücksbuffet, um halb zehn auf dem Bock in Richtung Süden.
Geplant war eine Tour nach Dresden, mit einem Schlenker durch den Spreewald. Von Dresden aus sollte es in das Elbsandsteingebirge gehen, von dort wieder zurück nach Berlin. Über Treptow fuhr ich in Richtung Südosten aus Berlin heraus und in Schöneberg auf die A113, die nach kurzer Zeit in die A13 übergeht. Nach meinem Kartenmaterial schien das direkt an Berlin angrenzende Land für eine Motorradtour eher langweilig zu sein, die A13 sollte mich möglichst schnell in interessantere Gefilde bringen. An der Ausfahrt Teupitz verließ ich die Autobahn und rollte auf der Landstraße in östlicher Richtung nach Märkisch Buchholz. Über Leibsch, Neu Lübbenau und Schlepzig ging es weiter bis Lübben.
An einer Tankstelle fragte mich ein LKW-Fahrer, wieviel die Maschine verbraucht. Meine Antwort von 5 bis 6 Litern veranlaßte ihn darauf hinzuweisen, dass das sehr viel wäre, sein alter Trabi hätte damals weniger verbraucht. Diese Anmerkung veranlaßte mich zu der Bemerkung, dass der Trabi vermutlich keine 220 km/h rannte und auch sonst weniger Spaß gemacht hat – dem hatte er nichts hinzuzufügen. Wir wünschten uns noch gegenseitig grinsend eine gute Fahrt.
Die Strecke über Neu Zauche, Straupitz, Burg nach Vetschau ist optisch sehr schön, die Anzahl der Kurven könnte aber höher sein. Wer durch Vetschau gerade durchfährt, kommt zu einer Kreuzung direkt vor der A15. Hier empfehle ich geradeaus unter der Autobahn durchzufahren und direkt hinter dem Ortsausgang von Repten in die schmale Straße rechts abzubiegen. Sie führt über Bolschwitz und Altnau bis Calau, von dort gelangt man über Settinchen zur Autobahnauffahrt Bronkow. Hunger hatte ich nach dem Dreiviertel-Stunden-Frühstück zwar noch nicht, aber das Gegenteil davon. Ausserdem wollte ich lieber mehr Zeit für das Elbsandsteingebirge haben, als selbige vorher auf dem flachen Land mit geraden Straßen aufzubrauchen. Die Autobahn hat bis Dresden nur wenige Teilstücke, auf denen die Geschwindigkeit auf 130 km/h limitiert ist – sie läßt sich daher gut zum Ranzoomen an Dresden nutzen.
Ich folgte den Altstadt-Schildern in der Hoffnung, dort ein gemütliches Cafe zu finden. Die 750er stellte ich auf einem breiten Fußweg ab und ging in die nächste Querstraße. Eine Thüringer Wurstbude stand neben der nächsten – daneben Buden mit diversem Tünnefkram. Menschen, die gerade etwas kaufen wollten, schrien in dem Getümmel nach hinten, von dort schrien andere zurück, dass sie auch eine Wurst wollen. Im Hintergrund sah ich einen großen Bauzaun – oben drüber lugte die Spitze einer Kirche, die ich auf Bildern schon einmal gesehen hatte.
Schlimmer als diesseits des Bauzauns könnte es nicht sein, dachte ich da noch, und wanderte um die Großbaustelle herum – besser war es dort aber auch nicht. Der wesentliche Unterschied war eigentlich der, dass nicht mehr die Touristen brüllten, sondern die Touristenführer. Rings um die Kirche reiht sich ein Touristennepp-Cafe und -Restaurant neben dem anderen. Ich ging weiter und fand in dem Tiefgeschoß einer Einkaufspassage ein Cafe, in dem man zumindest nicht zwangsweise der Geschichte der Frauenkirche zuhören mußte. Es war nicht preiswert, es war nicht gut – aber immerhin war die Toilette groß genug zum Ausschälen aus der Kombi.
Entweder hatte inzwischen der Feierabendverkehr eingesetzt, oder es gibt eine Ostflucht: die B6 gen Osten war eine einzige Kolonnenfahrt. Innerhalb der Stadt konnte ich dank der autofreien Straßenbahnspur an den Büchsen vorbeirollen, später habe ich mich dann in die Schlange eingereiht. Über Eschdorf, Dittersbach und Stürza fuhr ich Richtung Heeselicht und von dort weiter in Richtung Hohnstein. In Hohnstein drehte ich und fuhr die Serpentinen auf der anderen Seite des Tals hoch. Der Strecke wurde das staatliche Qualitätssiegel verliehen – ich drehte oben um, fuhr wieder runter, auf der anderen Seite bis Hohnstein, um dann dort wieder zu drehen und beide Teilstücke erneut zu geniessen. Die Hohnstein gegenüber liegende Seite ist eindeutig die bessere – dank Überholspur kommt man bergauf an den vierrädrigen Hinternissen vorbei.
Von Hohnstein fuhr in weiter in Richtung Bad Schandau, genehmigte mir aber den kleinen Stichstraßenabstecher nach Ebenheit. Eine kleine, schmale Straße schlängelt sich durch die Prärie – da es in Ebenheit nicht weitergeht, fährt man das Stück in jedem Fall zweimal. In Bad Schandau folgte ich der Aussschilderung nach Hinterhermsdorf, um ins Kirnitzschtal zu gelangen. Die Straße ist sehr gut ausgebaut und schlängelt sich entlang des Bachverlaufs durch das Tal, die ersten Kilometer sind trotzdem mit Vorsicht zu geniessen: auf der Spur in Richtung Hinterhermsdorf befinden sich Straßenbahnschienen. Wohlgemerkt: nicht neben, sondern auf der rechten Spur.
Wenn ein entgegenkommender Halbaffe in Dose die Kurven schneidet, darf man mal eben zwischen die Schienen ausweichen. Zwischen oder in der Nähe der Schienen ist man aber auch nicht sicher, da einem auf der eigenen Spur auch die Straßenbahn entgegen kommt. Kombinationsfrage: was tut man, wenn der Fall “Halbaffe in Dose” und “entgegenkommende Straßenbahn” gleichzeit eintritt? Die Geschwindigkeitsbegrenzung auf 50 km/h dürfte ihren Grund haben. Nach einigen Kilometern hat sich das Thema Schienen dann aber erledigt. Das Speedlimit erhöht sich auf 60 km/h und nach der nächsten Abzweigung auf 80 km/h – der Aufschlag für die eigene Tachoabweichung ist individuell. Die Geduld mit den Schienen lohnt sich, die Strecke ist einfach traumhaft.
Ich war am Überlegen, ob ich die Strecke ein weiteres Mal fahre, diese Idee kämpfte aber mit der eines Abstechers nach Tschechien. “Du warst dieses Jahr noch gar nicht im Ausland”, sagte ich mir, Tschechien gewann. Über Saupsdorf und Sebnitz fuhr ich zum Grenzübergang bei Dolni Poustevria. Schmale Straßen – und erfreulicherweise ohne Leitplanken – schlängelten sich über das Land zwischen Vilémov, Sluknov und Rozany und führten mich wieder zurück zur deutschen Grenze. Hätte ich die Gepäcktasche auf dem hinteren Sitz gehabt, Prag hätte mich schon gelockt…
Auffällig war der Tanktourismus an der Grenze. Offen gestanden: verstehen kann ich ihn nicht. Zwar lassen sich so ein paar EUR sparen, aber dafür steht man erst einmal an der Grenze in einer langen Schlange an, an der sich Motorradfahrer nicht nur aus dem Braunschweiger Raum vorbeimogeln, später wartet man an der Tankstelle. Nun ja, die Hobbies der Menschen sind sehr unterschiedlich.
Während der Rückfahrt über das Lausitzer Seenland wurde es dann zunehmend kühler, ich freute mich bereits auf die heiße Dusche im Hotelzimmer. Es gab auch hier Radarfallen ohne Ende, teilweise gut geschützt hinter Brückenpfeilern. Aufgrund eines erhöhten Punktestandes in einer norddeutschen Stadt halte ich mich mehr oder minder sklavisch an die Limits, mit mir konnten die ortsansässigen Behörden ihr Defizit leider nicht ausgleichen. Trotzdem wurde ich geblitzt, es war eine Premiere der anderen Art. Ich fuhr zwar brav meine 100 km/h auf der Landstraße – von der tiefergelegten, grünen Reisschüssel auf der Überholspur, die ich am Ortsausgang durch ein kurzes Ziehen am Kabel auf Abstand gebracht hatte, konnte man dies aber nicht behaupten.
Über Hoyerswerda, Senftenberg und Großräschen fuhr ich zurück zur Autobahn, von dort ging es mit flotter Fahrt zurück ins warme Zimmer. Insgesamt standen am Ende des Tages 567 zusätzliche Kilometer auf dem Tacho. Festzuhalten ist: eine Fahrt zum Elbsandsteingebirge lohnt. Definitiv.
Eine grob zusammengeklickte Route gibt es bei GPSies (Klick auf das grüne Icon), die KML-Datei für Google Earth gibt es hier.



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Die vielen Kontrollen sind aus meiner Sicht vollkommen gerechtfertigt. In den neuen Ländern scheint zumindest die jüngere Fahrergeneration, egal ob zwei oder vier Räder, noch nie etwas von Geschwindigkeitsbegrenzungen gehört zu haben. 30 bis 50 km/h drüber ist abseits der Städte üblich.
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Aha. Da dürfte dann die “natürliche Selektion” auch schon stärker ausgeprägt sein, oder?
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Hart aber direkt, so kenn´…ähh… les´ich dich ;-)