Ein Cafe Racer im Rückspiegel
Am ersten Mai-Wochenende fand das Fahrdynamik-Training südwestlich von Boxberg statt. Das Programm begann am Freitag abend – ich nutzte die Gelegenheit am Donnerstag abend noch Freunde in Nürnberg zu besuchen. Zwischen Braunschweig und Nürnberg liegen der Harz, der Thüringer Wald und die fränkische Schweiz – gute Zutaten für eine schöne Tour. Das dachte sich C. auch, die Urlaub hatte und ihrem B. nicht beim Arbeiten zusehen wollte. Donnerstag hin, Freitag zurück, zwei Urlaubstage sinnvoll verbracht, dachte sich C. da noch.
Irgendwann um 9 Uhr herum hörte ich ein gleichmäßiges Zweizylinder-Bollern in die Spielstraße rollen. Ihre Kawasaki Zephyr 750, mit der C. sonst durch die Lande rollt, war nicht fahrbereit, ihre Triumph Truxton 900 schon – die Frau von Welt besitzt heute mindestens zwei Motorräder. Die Truxton ist ein Cafe Racer mit 900 ccm, die sich auf zwei Zylinder aufteilen. Sieht gut aus, hört sich gut an – lass uns fahren, meinte ich, und setzte meine vier Zylinder in Bewegung.
Es erschien mir wenig sinnvoll, sich lange in der Gegend aufzuhalten, die wir jeden Tag durchrollen können – daher peilte ich auf einem relativ direkten Weg die Harzautobahn an, die A395. Relativ neu, sehr guter Asphalt, wenig Kurven, wenig Verkehr, Wildfangzäune, hier läßt es sich gut entlang ballern – zumindest dann, wenn man einen Johgurtbecher fährt. Seltsamerweise ist die Naked Bike Fraktion, die sich sonst über die verkleideten Bikes lustig macht, gar nicht amüsiert, wenn man im sechsten Gang mit etwas erhöhter Leerlaufdrehzahl und Geschwindigkeiten oberhalb von 160 km/h die leichte Brise des Fahrtwindes genießt, die über den Helm streicht.
Ich überließ C. auf ihrem Cafe Racer die Führung bis zum nördlichen Rand des Ostharz und sie ließ sich nicht lumpen – einige Liter Sprit später rollten wir in Werningerode in den Harz. Auch den Harz kann ich jeden Tag haben – ich wählte daher eine flotte Route über Elbingerode, Hasselfelde und Breitenstein. Ursprünglich wollte ich am südlichen Ende vom Harz die Strecke über Schwenda fahren, aus irgendeinem Grund entschied ich mich spontan für die Route über Stolberg. Wer alte Innenstädte mag, sollte zwar Stolberg unbedingt einmal gesehen haben, die abgefräste Straße dorthin ist aber eine kleine Katastrophe.
Positiv ist anzumerken, dass wir im Ostharz diesmal nicht auf eine Straßensperrung stießen. Irgendwie ist das schon seltsam: Baustellen im westlichen Harz sind meistens mit Ampeln ausgestattet, die den Verkehr über eine Spur führen. Im Ostharz werden üblicherweise die Straßen gleich ganz gesperrt und der Verkehr über Umleitungen gelenkt, die auch schon einmal zu 50 Kilometer Umweg führen können. Offensichtlich sind die Organisatoren im Ostharz mit den Ampelschaltungen überfordert, so scheint es.
Negativ anzumerken ist der Dosenparker, der direkt vor meiner Nase den Kyffhäuser hochfuhr. Ich hatte ihn schon auf der Straße aus Kelbra raus entdeckt. Er fuhr einige 100 Meter vor mir und der Abstand wurde schnell größer. Aufgrund von “mehreren gegebenen Anlässen” ist meine Bereitschaft, mich an die Geschwindigkeitsbegrenzungen zu halten, derzeit sehr ausgeprägt. Der Typ in der silbernen Geländebüchse sah das anders, als ich am Ortsschild ankam war der Abstand schon beträchtlich. Ich zoomte mich zwar noch bis zu ersten Kurve an ihn ran, zum Überholen hat es aber nicht gereicht.
Von Bad Frankenhausen bis Weimar hieß es Kilometer fressen. Da die Bundesstraße nicht sehr stark befahren war und es sich auf den langen Geraden gut überholen läßt, ist Weimar näher als es zunächst scheint. Wer dort auch Hunger hat, in der Pizzeria Casablanca in der Nähe der Innenstadt läßt es sich gut draussen sitzen und essen. Allerdings gibt es dort kein bleifreies Weizen, ein echter Minuspunkt.
Über Mellingen fuhren wir auf die B87 und folgten dieser bis Bad Berka. Für eine Bundesstraße erstaunlich schmal und kurvig, dazu wenig Verkehr – die Strecke kann ich weiterempfehlen. Wir folgten der B87 bis Oberilm, kurz hinter Stadtilm, und bogen dann in Richtung Hammersfeld/Rottenbach ab. Soweit ich mich erinnern kann, hatte ich bis Paulinzella das Grinsen im Gesicht. Ab Rottenbach ging es auf der B88 bis Bad Blankenburg, dort rechts ab in Richtung Schwarzburg/Mellenbach.
Die Straße von Bad Blankenburg bis Katzhütte muß man kennen. Auf einem Zwischenstück ist die Straße zwar etwas buckelig, läßt sich sonst aber mit den abwechselnd engen und weiten Kurven, die durch nicht allzu lange Geraden verbunden sind, traumhaft fahren. Rollende Büchsen lassen sich problemlos überholen, eine Übung die auch C. hervorragend beherrscht – zumindest auf ihrer Zephyr. Mit ihrer Truxton verschwand sie immer weiter in meinem Rückspiegel, so daß ich zunächst an einen Defekt glaubte.
In einem der Käffer hielt ich an und sie fluchte über die Schnapsidee, mit einem Cafe Racer bis nach Nürnberg zu fahren. Ungewohnte Laute und Worte verließen ihren Helm – sie gab mir Zeichen weiterzufahren und bei nächster Gelegenheit eine Pause zu machen. Dort hörte ich dann Äusserungen der Art “zum Umdrehen zu spät” oder “zu Hause verkaufe ich das Ding”. Es gibt Situationen, in denen man(n) Frau besser in Ruhe läßt – ich schaute einem alten VW-Bus zu, der auf einem Schotterparkplatz mit der Handbremse wendete, sehr zum Vergnügen der beiden Jugendlichen auf der vorderen Sitzbank.
Über Goldisthal, Scheibe-Alsbach, Steinheid und Steinach fuhren wir auf die B89 und B85 in Richtung Kronach, in der historischen Altstadt von Burgkunstadt stand der nächste Stopp an. Fährste Mopped, lernste Leute kennen. Ein alter Mann sprach mich an, fragte nach meiner Maschine, erzählte mir, dass er früher auch gefahren ist und wo er überall gelebt hatte. Als ein Auto über den Platz rollte teilte er mir mit, dass dies der Bürgermeister sei, der sich gerade nach Hause chauffieren liesse. Selbst fahren dürfe der auf längere Sicht nicht mehr, da er mehrfach beim Fahren im betrunkenen Zustand erwischt worden wäre. Wenn ihr mich fragt: eigentlich hätte er auch zu Fuß laufen können, so groß ist Burgkunstadt auch nicht.
Wurde die Strecke von Steinach bis Burgkunstadt eher mit Blick auf Kilometer machen gefahren, lud die Straße ab Weismain bis Stadelhofen wieder zum Geniessen ein. Wer in der Gegend aus Richtung Norden kommt: kurz vor Stadelhofen die Landstraße überqueren, die erste Abzweigung rechts nach Stadelhofen rein nehmen und etwas später der Ausschilderung nach Wölkendorf folgen. In Wölkendorf geht es dann links ab in Richtung Steinfeld. Wer auf der Route nicht grinst, sollte sein Mopped gegen eine Bahncard tauschen.
Von Steinfeld folgten wir der Strecke über Hollfeld und Waischenfeld bis Behringersmühle – wer schnell zu fahrende Kurven mag, z.B. weil er mit einem Cafe Racer unterwegs ist, dem die engen nicht liegen, dem werden hier die Worte fehlen. Von Behringermühle folgten wir der Bundesstraße bis Pottenstein und bogen dort rechts ab nach Teufelshöhe/Kirchenbirkig. In Kirchenbirkig der Ausschilderung nach Trägweis folgen: ein quasi breiter, geteerter Feldweg schlängelt sich über die Hügelketten bis Kleingesee. Ich wäre dafür diese Straße für Autos zu sperren und für Motorräder nur in einer Richtung freizugeben – ohne Speedlimit, versteht sich.
Wer in Obertrubach der Straße nach Egloffstein folgt, kann noch eine schöne Strecke entlang von Sägewerken erleben. Ab Hammerbühl fuhren wir über Gräfenberg nach Nürnberg, wo es auch prompt anfing zu regnen. Nach einer Dusche, zwei Weizen und einer Pizza im Biergarten Anderland, schlenderten wir ins Gregor Samsa – einer Kneipe, die man einfach kennen muß. Meist lockeres Ü30 Publikum und an den Wänden gemalte Bildern von Gästen, die auf diesem Weg ihre Zeche beglichen. In dieser lockeren Atmosphäre entfleuchten mir die Worte, dass “eine Triumph Truxton ein schönes Motorrad sei, für die Vitrine”. An dem Abend war C. schon zu wehrlos – ihre “Rache” kommt aber bestimmt.
(KML-Datei für Google Earth)



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Zwar nicht mehr aktuell, aber eine nette Story. Kannst ja mal bei mir vorbeischauen unter: http://www.cafe-racer-blog.de