Die Hügel der Provence
Ähm … lieber spät als nie … der Bericht zur Provence-Etappe aus dem Juni.
Die Route entlang der Côte d´Azur war eigentlich nur eine Verbindungsetappe von dem Ende der Route des Grandes Alpes zum Beginn meiner geplanten Provencetour, die in La Croix-Valmer begann. Über Cogolin und Grimaud, dem kleinen Städtchen mit den französischen Klängen, fuhr ich bis La Garde-Freinet. Gleich am Ortseingang zweigt rechts eine kleine Straße zum Col de Vignon ab. Wer gerade, breite Straßen mit Verkehr mag, dem kann ich nur raten: zweigt nicht ab. Alle anderen werden an der kleinen Straße mit ihren unzähligen Kurven auf halber Höhe eines Bergrückens ihre Freude haben. Die meisten Geraden sind keine 100 Meter lang. Der Asphalt ist zunächst phantastisch, später noch ok. Der Spaß endet einige Kilometer hinter Plan-de-la-Tour an der D25.
Vielleicht geht es anderen so wie es mir ging: ich stand an der Einmündung in die breit und weitgehend gerade D25, sah plötzlich wieder Autoverkehr und blickte sehnsüchtig auf die schmale, eben gefahrene Straße zurück. Ein kleines Stück zurück gab es eine Abzweigung. Ich fuhr zurück, probierte die andere Richtung und sah wenige 100 Meter später eine weitere Abzweigung in Richtung Osten. Was dort folgte war ein einziger Traum: erstklassiger Asphalt und eine schmale Straße, die sich in meistens sehr gut einsehbaren und flott zu fahrenden Kurven einen Hügelhang hochwindet. Der Spaß hat zwar nach wenigen Kilometern ein Ende, da die Straße dann für den öffentlichen Verkehr gesperrt war, aber immerhin konnte ich diese wenigen Kilometer auf der Rückfahrt ein zweites Mal geniessen.
Fotos von diesem Abschnitt kann ich leider nicht anbieten. Die Fahrt war ab La Garde-Freinet ein einziger Rausch. Meine Hirnzellen konzentrierten sich auf die Kurvenlinien und das Unterbewußtsein auf die richtigen Gänge, damit der Motor immer in einer gesunden Drehzahl blieb. Wer denkt dabei schon an das Fotografieren…
Über Le Muy und Callas fuhr ich auf einer unspektakulären Landstraße bis Bargemon. Im Ortskern kam ich zu einem kleinen Platz, um dem sich ein paar Cafes und Restaurants gruppierten. Mit seiner wasserspeienden Säule in der Mitte des Platzes, den eng an der Straße stehenden, mehrstöckigen alten Häusern aus Felsstein und den Schatten spendenden Bäumen erschien mir Bargemon spontan wie eine typisch französische Kleinstadt, das erste Cafe wie ein typisch französisches Cafe und der Platz vor dem Blumenkübel des Cafes wie ein typisch für die 750er geeigneter Parkplatz.
In Deutschland wäre vermutlich innerhalb von 10 Minuten eine typisch deutsche, vom Leben frustrierte Politesse gekommen und hätte mir, wie z.B. in der Braunschweiger Fußgängerzone passiert, einen Strafzettel an das Moped geklebt. Dort wurde die Straße um den Brunnen durch mein Parken am Rand des Kreisels zwar nicht breiter, aber selbst der den Platz passierende LKW-Fahrer fuhr ohne ein Zeichen des Murrens dran vorbei.
Die Atmosphäre dort war einfach … französisch. Ich saß an einem der grünen Plastiktische im Schatten der Bäume, gönnte mir zum Kaffee noch ein Eis und lies für eine halbe Stunde fünfe gerade sein. Hinzu kommt ein Nebeneffekt, der mir schon auf anderen Touren aufgefallen war, in der Provence aber ganz extrem: Leute, die das ausländische und bepackte Motorrad sehen, schauen sich erst das Motorrad an, lassen dann ihren Blick schweifen, sehen einen Typen mit Lederklamotten an einem Cafetisch und … lächeln.
Ich fuhr weiter gen Norden über den Col du Bel-Homme – natürlich nicht ohne die für Männer obligatorische Fotosession. Die Auffahrt zum Col du Bel-Homme war buckelig, die Abfahrt dafür genial. Wer den Berg nicht überqueren sondern nur als Abstecher für die Fotosession bezwingen möchte, sollte dies vom Norden aus tun. Weiter nördlich bog ich dann auf die D21 in Richtung Comps-sur-Artuby. Ursprünglich wollte ich über die D71 zum Gorges du Verdon fahren – ich nahm eine Abzweigung zu früh und gelangte über die D955 nach Trigance.
Von dort führt eine kleine Stichstraße zur D71. Diese ist kurz hinter dem Ortsausgang eine einzige Katastrophe, da zwischen dem Schotter auch noch Steine liegen. Etwas später ändern sich die Verhältnisse schlagartig: die dann frisch asphaltierte und wenig befahrene Straße lockt zum fröhlichen Ziehen am Kabel. Überhaupt ist die Straße bis zur Schlucht sehr schön zu fahren – ein würdiges Vorspiel für das, was danach kommt.
Der Gorges du Verdon ist eine durch und durch imposante Schlucht; das wissen leider dank der zahlreichen Reiseführer viele. Dementsprechend war ich dort auch nicht der einzige Verkehrsteilnehmer. Wie schon in den Alpen war es auch hier wieder ein niederländisches Wohnmobil, dass aus heiterem Himmel plötzlich in meine individuelle Idylle einbrach. Ich wollte gerade ein Foto von dem Moped mit dem Canyon im Hintergrund machen, als so eine weiße niederländische Reisekiste auf Rädern direkt vor meinem Bike parkte und damit das anvisierte Panorama nicht unwesentlich veränderte. Der Fahrer sah meinen genervten Gesichtsausdruck und setzte noch einmal zurück, für ein Anfahren einer der diversen Parklücken hat es aber nicht gereicht. Meckern konnte ich auch nicht, ich stand auch etwas “unorthodox”.
Die Straße am Canyon entlang ist ein einziger Traum. Es gab zwar verhältnismäßig viel Verkehr aber die Straße ist gut ausgebaut und mit dem 750 ccm Vierzylinder im mittleren Drehzahlbereich war der Verkehr nicht wirklich ein Problem. Ich bin die “gauche route” gefahren, auf der anderen Seite gibt es eine alternative Straße.
Am westlichen Ende der Schlucht liegt Aiguines. Die Abfahrt von diesem Ort runter zum See ist höllisch gefährtlich. Dies liegt nicht an der Straße, die sehr gut zu fahren ist, sondern daran, dass der Blick immer wieder an der Straße vorbei auf das intensiv blau schimmernde Wasser des Sees fällt.
Mein nächstes Ziel war der Col de Murs. Über Moustiers-Sainte-Marie, Riez, Gréoux-les-Bains und Manosque zoomte ich mich größtenteils auf gut zu fahrenden Route Nationales bis Apt. Westlich von Apt führt die D4 über Fontaube bis Murs. Vom Col du Murs führt eine meist schmale Straße einen bewachsenen Hang hinunter. Optisch reizvoll und sehr schön zu fahren, ähnlich wie in einer Schlucht taucht der Gegenverkehr aber durch die versperrte Sicht relativ spät auf.
Über Venasque, Mazan gelangte ich zum nächsten Höhepunkt der Provence-Route: dem Gorges du Nesques. Die Straße beginnt bei Villes-sur-Auzon und zweigt von der D1 ab. Unterschiede zum Gorges du Verdon: die Schlucht ist etwas weniger imposant, die Geraden etwas kürzer und es gibt kaum Verkehr. Wer mit dem Moped durch die Provence fährt und diese Straße nicht mitnimmt, hat etwas verpaßt.
Meine Route führte mich anschließend über Sault und Ferrassières über den Col de l´Homme Mort. Oben befindet sich die Ruine eines kleines Steinhauses, dessen Ex-Besitzer vermutlich indirekt maßgeblichen Anteil an der Namensgebung hat. Der Paß war dank der flott zu fahrenden Straße und bis zu 93 PS unter den Eiern schnell erreicht. An der Einmündung der Abfahrt auf die D542 befindet sich ein kleiner Rastplatz, den ich für mein Abendbrot genutzt habe.
Frisch gestärkt fuhr ich weiter um bei der weiteren Talfahrt eine grandiose Aussicht durch Bäume zu erhaschen. Das Panorama war mehr erahnt als gesehen, dann verdeckten die Bäume sie wieder. Meine erste Wende auf der talwärts verlaufenden Straße war schon bestenfalls mäßig, die obere dann katastrophal. Die Maschine kippte und wenn so ein bepacktes Ding erst einmal kippt, dann kippt sie. Talwärts macht das Aufrichten von knapp 230 kg zzgl. Gepäck besonders viel Freude – Adrenalin macht aber vieles möglich.
Die Analyse ergab, dass der Angstnippel der erst kürzlich entjungferten Fußraste abgebrochen war – ansonsten waren nur die Schrammen aus Berlin etwas tiefer geworden. Es gab keinen Grund zu tieferem Ärger abgesehen von dem eigenen Unvermögen. Im Sicherheitstraining klappt die Wende besser, aber dabei war die Straße bislang immer eben und das Moped nicht bepackt. Instinktiv tippte ich auf eine zunehmende Erschöpfung, runde 3200 Kilometer in sechs Tagen forderten anscheinend ihren Tribut – zumal der größte Teil der Strecke durch das Gebirge führte.
Ich suchte mir in Sault ein kleines Hotel und fand das Hotel Restaurant Le Signoret in der Avenue de la Résistance. Die Atmosphäre wirkte französisch-familiär, was auch aber nicht nur daran lag, dass das Personal nur französisch sprach – jedenfalls weder deutsch noch englisch. Meine französischen Sprachkenntnisse reichten aus um mein Anliegen nach einem Zimmer kund zu tun, die weitere Kommunikation erfolgte über Zeichensprache und Fingern, die auf irgendwelche Zettel zeigten. Ich nickte zu dem, was ich auf dem Zettel zu erkennen glaubte und bekam ein Zimmer mit eigener Dusche.
Die Tochter des Hauses folgte mir auf die Straße und gab mir zu verstehen, dass ich die Garage nutzen könnte. Als Garage stellte sich dann ein Nebenraum im Erdgeschoß raus, der mittels eines Tors von aussen erreichbar war. Sie half mir beim Reinschieben der Maschine in den Raum, in dem neben einigen Fahrrädern von anderen Gästen auch diverser Hausrat lagerte. Das Zimmer war mit altem Holzparkett eingerichtet und wirkte auf mich wie ein typisches Zimmer in der Provence, ohne dass ich wissen würde, wie ein typisches Zimmer in der Provence auszusehen hat. Das kleine Hotel ist auf jeden Fall eine Empfehlung wert.
Wenn ich für die Nacht irgendwo einkehre, gehe ich, wenn ich noch etwas trinken oder essen möchte, selten in das hauseigene Lokal. Zum einem sehe ich durch die Suche nach einem netten Plätzchen mehr von dem Ort, zum anderen lerne ich noch etwas anderes kennen. Aus dem Restaurant “Le Louvre” drang mir Live Musik entgegen und nur wenige Meter von der Bühne entfernt war noch ein kleines Tischchen frei.
Die Sängerin hatte eine gute Stimme und gehörte damit klar zur Habenseite der Band. Als Begleitung gab es E-Gitarre, Schlagzeug, ab und an ein Saxophon, zeitweise spielte die Sängerin auf einer Geige während der Typ mit dem Sax den Gesang übernahm. Manchmal kam der Background vom Band. Das Musikspektrum ging einmal querbeet durch den Garten, von “Eye of the Tiger” über die Corrs bis hin zum French Pop. Die Lautstärke machte eine Unterhaltung kaum noch möglich, aber das paßte sich sehr gut. Ausser dem alkoholfreien Bierchen – einem Kronenbourg im Paulaner-Glas – und mir saß keiner an meinem Tisch.
Die Terrasse des Restaurants war einschließlich einem kleinen Vorplatz mit Tischen belegt, die praktisch alle belegt waren. Einige weitere Zuhörer stellten sich am Rande noch dazu. Die Stimmung war gut – zwischendurch brüllte der DJ irgendetwas auf französisch und die Menge war begeistert. Vermutlich hat sie im Gegensatz zu mir verstanden, was der Typ schrie. Mir fiel auf, dass ich in den letzten Monaten viel zu selten auf Konzerten war und nahm mir vor, dieses wieder zu ändern. Später sang der E-Gitarrist noch Smoke on the Water. Ohne Worte – warum lassen sie nicht die singen, die es können?
Am nächsten Morgen wachte ich bei strahlendem Sonnenschein auf. Ich hielt im Ort noch kurz an einer Boulangerie und kaufte mir ein paar Croissants und etwas Gebäck. Als letztes Stück meiner Provence-Etappe stand nur noch der Mont Ventoux, der höchste Berg der Provence auf dem Programm. Die Straße beginnt direkt in Sault. Nach kurzer Zeit kam eine Baustelle, die Tempo 50 vorschrieb und vor Splitt am Rand der Straße warnte. Der Splitt verschwand, das Tempolimit blieb und ich hielt mich sogar daran. Dreihundert Meter Gerade, eine Kurve, Tempo 50. Fünfhundert Meter Gerade, eine Kurve, Tempo 50.
So ging es eine ganze Zeit gut, das Moped rollte mit runden 50 km/h die Straße entlang und ich überlegte mir bereits, wie ich anschließend in die Cevennen fahre. Das Unterbewußtsein schafft viel. Es lenkt in Kurven ein und bremst vorher sogar ab – nur mir Rollsplit rechnet es nicht. In der Kurve, in der das Zeug anscheinend abgekippt wurde, lag eine dicke Schicht auf der Straße. Meine Gedanken kehrten von den Cevennen zurück, als die Augen merkten, dass der Asphalt immer näher kam. Ich tat es dann dem Splitt gleich und legte mich auf die Straße.
Ich richtete die Maschine wieder auf und nahm diesen Akt als Beweis, dass nichts gebrochen war – errare humanum est. Auf dem Parkplatz hinter der Kurve aß ich meine Croissants und ärgerte mich über meine Dummheit. Den Mont Ventoux habe ich dann noch bezwungen, er gehört alleine aufgrund seiner Steinlandschaft auf dem Gipfel zum Pflichtprogramm. Während der Auf- und Abfahrt wurde mir aber durch Schmerzen im linken Arm auch klar, dass an ein Weiterfahren in den Bergen nicht zu denken war. Ich zweigte dann auf der Westseite des Berges, die auch das Ende meiner Provence-Etappe markierte, auf die Route National in Richtung Norden und fuhr wieder heim.
Mit Südfrankreich habe ich daher noch eine Rechnung offen: die Cevennen und die Pyrenäen. Vielleicht 2008, mal schauen. Vermutlich werde ich aber so oder so wieder nach Südfrankreich kommen. Es ist einfach ein traumhaftes Motorradland und die Route des Grandes Alpes bin ich vermutlich auch nicht zum letzten Mal gefahren.


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Ich richtete die Maschine wieder auf und nahm diesen Akt als Beweis, dass nichts gebrochen war – errare humanum est.
Moooment. Du bist noch mit gebrochenem Arm aus Frankreich nach Hause gefahren? Himmelarschundzwirn!
Da mach ich mir ja rückwirkend gleich nochmal Sorgen…
Danke jedenfalls für einen weiteren ausführlichen Bericht. Sollte ich jemals wieder ein Motorrad haben, sei sicher, ich verfolge dich auf deinen Touren.
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Naja … es war nicht unbedingt die intelligenteste Tat von mir, zumal ich über den ADAC sogar eine Rückholversicherung gehabt hätte. Ich ging von einer Verstauchung aus und dachte mir, dass mich der ADAC deswegen kaum nach Hause fliegen oder fahren würde. Meine Überraschung, als mir der Arzt in der Braunschweiger Unfallklinik den Bruch verkündete, war nicht gespielt.
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Zitat: Es ist einfach ein traumhaftes Motorradland und die Route des Grandes Alpes bin ich vermutlich auch nicht zum letzten Mal gefahren.
Dem kann ich nur uneingeschränkt zustimmen. Wir hatten im September drei dabei, die noch nie mit dem Motorrad in den franz. Alpen waren. Nach fünf richtig guten Tagen bei bestem Wetter, wollten die gar nicht mehr woanders hin! :-))
Ich wünsche Dir nächstes Jahr auf jeden Fall etwas mehr Glück mit dem Rollsplit *g* Wir hatten uns auch ab und zu auf etwas unbefestigteren Wegen bewegt.
http://www.arne-maschke.de/html/westalpen_09_07.html
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Nimm sofort die Videos von deiner Seite, ich muß Montag wieder ins Büro!!!
Wenn ich mir die Auffahrt zum kleinen St.Bernhard und den Col D’Izoard anschaue, als ob es gestern gewesen wäre … *seufz*