Ein Sonntag in Berlin

berlin2008 akazienstrasse Ein Sonntag in BerlinEigentlich hatte ich an dem Sonntag vor gehabt durch die Seenplatte bis Rügen zu rollen, einmal die Insel zu umrunden und dann wieder Berlin anzupeilen. Nach den zuletzt stressigen Wochen Monaten im Büro und der doch recht langen Polen-Usedom-Tour war mir dann am Sonntag morgen nach Ruhe und Entspannung. Mir kam die Idee mit dem Mopped einfach ein bisschen durch Berlin zu gondeln, mir hier und dort etwas anschauen, dass ich mir entweder schon immer oder ganz spontan anschauen möchte – alles ohne feste Zeit- und Zielplanung. Ich dachte ein zweites Mal darüber nach, es hörte sich immer noch gut an. Das war es auch. Ein paar Worte zu Orten und Gedanken.

berlin2008 cafebilderbuch Ein Sonntag in BerlinVom Hotel in Neukölln fuhr ich auf dem Columbiadamm an der nördlichen Seite des Flughafen Tempelhofs entlang. Derzeit läuft eine Abstimmung, ob der Flughafen abgerissen werden soll oder nicht. Es ist jedenfalls ein schöner Bau, der zumindest für die nächstältere Generation noch eine hohe Bedeutung haben dürfte. Ich habe keine Antwort auf die Frage, ob er bleiben soll oder nicht. Als ich an ihm entang fuhr, mit offenem Visier wie auch den Rest des Tages, fühlte ich etwas Wehmut. Von aussen strahlt das Gebäude mehr Charakter aus als die meisten anderen Flughäfen, die ich kenne.

Ich fuhr geradeaus weiter bis zur Hauptstraße in Schöneburg. Kurz vor der Kreuzung kamen Erinnerungen an das Café Mirell in der Crellestraße hoch, die kurz vor der Hauptstraße rechts von der Kolonnenstraße abzweigt. Ein anderes Jahr, eine andere Zeit. Mir war an diesem Sonntag nach etwas Neuem und ich peilte daher das Café Bilderbuch in der Akazienstraße an. Draussen, in einer von Bäumen flankierten Straße, an einem kleinen Tisch auf dem Bürgersteig, sein Frühstück einzunehmen, die 750er im Blickfeld, kann ein Sonntag besser beginnen? Gut, kann er, ich meine aber jetzt einen Sonntag ohne weibliche Begleitung.

berlin2008 viktorialuiseplatz Ein Sonntag in BerlinGut gesättigt überlegte ich mir, wo ich als nächstes hinfahren könnte. Einen festen Plan hatte ich nicht und die kurzzeitig aufflammende Idee, mir beim Frühstück so etwas wie einen Plan zu erstellen, legte ich so schnell ad acta, wie sie aufkam. Am Wannsee gibt es einen Motorradtreff an der Loretta, den ich bei einer Anreise über Potsdam bereits entdeckt hatte, an der Spinnerbrücke sollte auch einer sein. Ich suchte im Stadtplan wo die Spinnerbrücke liegt, fand viele Brückennamen aber keine Spinnerbrücke. Wozu ist ein Stadtplan gut, wenn nicht die Brücke drin steht, die ich suche? Eine kleine Internetrecherche mit dem Handy half immerhin weiter.

berlin2008 unterdeneichen Ein Sonntag in BerlinIch fuhr zurück auf die Hauptstraße, die bis Berlin-Steglitz zwei mal ihren Namen endet und als Schloßstraße kurz hinter dem zu einer Shopping-Mall umgebauten Schloß endet. Links und rechts der Straße eine endlose Reihe an geschlossenen Geschäften hinter leeren Bürgersteigen, die am Ende mit dem Globetrotter endet. Im Vergleich zu den anderen Wochentagen wirkte Berlin fast schon verlassen, auch die Anzahl der Dosen auf der breiten Straße war fast schon vernachlässigbar.

Über die Allee “Unter den Eichen” rollte ich in südwestlicher Richtung weiter. Die Sonne strahlte hier und da durch die dichten Baumkronen über der Straße und der warme Fahrtwind strich dank offenem Visier über mein Gesicht. An jeder grün werdenden Ampel zupfte ich kurz im ersten Gang am Gas und öffnete dann im zweiten bis Tempo 60 die Drosselklappe etwas freudiger – dabei aufpassend, dass es nicht deutlich mehr als 60 wurden, weil bei der Drehzahl der Motor bereits anfing kräftiger zu schieben. Motorradfahren in Berlin hat etwas, an Sonntagen.

berlin2008 spinnerbruecke Ein Sonntag in BerlinÜber die Spanische Allee fuhr ich bis zur Brücke über die Autobahn, etwas südlich der Avus. Der Treffpunkt ist unübersehbar; hunderte von Moppeds standen auf den beiden Seiten der Straße. Dazu gab es ein Lokal, dass vom Frühstück bis zum Abendbrot gegen alle Hunger- und Durstgefühle Abhilfe anbot. Draussen gab es zahlreiche Holzbänke und -tische. Ich war vom Frühstück noch satt und setzte mich mit einer heissen Schokolade an einen der zur Straße gewandten Tische, um das muntere Treiben am Straßenrand zu verfolgen.

berlin2008 havelchaussee Ein Sonntag in BerlinIch kam ins Gespräch mit einer Bikerin, die am selben Tisch auf ihre Freunde wartete. Sie gab mir Tipps für Treffpunkte im Berliner Großraum, wies auf Radarfallen hin und nannte mir schöne Strecken in der Berliner Umgebung. Die Einladung, die Tour der Gruppe mitzufahren, schlug ich aber aus. Der von ihr beschriebene Fahrstil der Gruppe paßte anscheinend mehr zu ihrer knapp 200 PS starken pechschwarzen 2008er Hayabusa, jedenfalls nicht zu meinem Punktekonto in Flensburg.

Ich finde es übrigens immer wieder faszinierend, wie schnell unter Motorradfahrern Kontakte aufgebaut werden. Als der erste Freund von ihr kam und mich dort mit ihr unterhalten sah, grüßte er mit einem Handschlag und fragte mich eine Minute später, als er sich etwas zu trinken holen ging, ob er mir auch etwas mitbringen könne. In der Lederkombi erscheint mir diese Offenheit inzwischen als vollkommen normal. Wahrscheinlich sollte ich diese Art des Umgangs miteinander viel mehr würdigen. Sie ist kostbarer als vieles, dass sich kaufen läßt.

berlin gleis17 1 Ein Sonntag in BerlinIm Gespräch hatte sie ein Café in Spandau erwähnt und mir weiterhin empfohlen, trotz der Tempo 30 Geschwindigkeitsbegrenzung einmal die Havelchaussee durch den Grunewald zu fahren. Ich kann die Empfehlung für die Havelchaussee nur weitergeben. Es ist anfangs aber schon ein komisches Gefühl, wenn da 30er Schild um den Hinweis “10 km” ergänzt wird und die Überschlagsrechnung ergibt, dass die Fahrt jetzt 15 bis 20 Minuten dauert. Es störte mich nicht, ich hatte an diesem Tag alle Zeit der Welt.

berlin meilenwerk 2 Ein Sonntag in BerlinMit Tempo 80 würde die Straße sicher mehr Spaß machen, aber die Fahrt im Schleichtempo hat dank der Streckenführung und der umgebenden Landschaft auch ihren Reiz. Teilweise fuhr ich wie durch einen Tunnel im Wald, durch die Büsche am westlichen Straßerand war stellenweise schemenhaft das Wasser zu sehen. Hier und da gibt es einen Durchgang zum schmalen Strand, an dem bei dem herrlichen Wetter auch ein paar Leute die Sonne genossen.

Die Havelchaussee führt westlich an Wilmersdorf und Charlottenburg vorbei bis Spandau. An der Einmündung in die Ruhlebenerstraße fuhr ich links um direkt hinter der folgenden Rechtskurve wieder links in die Schulenburgstraße einzubiegen und dieser zu folgen, bis sie irgendwann zur Weißenburger Straße wird. An der Kreuzung mit der Pichelsdorferstraße liegt an der rechten Ecke das Biker-Café Zilini. Draussen an den wenigen Tischen saß eine kleine Gruppe von Motorradfahren, die mir zunickte, während ich an der roten Ampel stand. Ich wollte nur schauen, wo das Café lag und rollte dann weiter.

berlin2008 kurfuerstendamm Ein Sonntag in BerlinIch fuhr über das nördliche Ende der Havelchaussee zurück bis zur Heerstraße und folgte dieser bis zu den S-Bahn-Gleisen, hinter denen ich südlich in die Jaffestraße bog. Direkt vor der Avus beginnt die Eichkampstraße, der ich weiter bis zum S-Bahnhof Grunewald folgte. Wer von dieser Seite aus in den S-Bahnhof geht, dürfte ihn für einen S-Bahnhof wie jeden anderen in Berlin halten. Das besondere an diesem Bahnhof ist das Gleis 17, dass ich mir ansehen wollte.

berlin2008 ubahn Ein Sonntag in BerlinNach dem Besuch des Mahnmals fuhr ich die Eichkampstraße zurück und geradeaus weiter auf den Messedamm. Diesmal folgte ich dem Knick vor der Autobahn und fuhr zur Abwechselung nicht in die Unterführung wie bei zahlreichen früheren Besuchen; ein erfreuliches Zeichen, dass noch Reste der Lernfähigkeit vorhanden sind. Ich folgte der Straße in Richtung Norden durch das Westend bis zum Spandauer Damm und bog dann rechts ab in den Spandauer Damm. Kurz vor der nächsten großen Kreuzung befindet sich auf der nördlichen Seite das Schloss Charlottenburg. Die Umgebung wimmelt vor debilen Touristen, die, wenn sie nicht in den vermutlich teuren Lokalen ihr Geld lassen, vom Anblick des Schlosses geblendet arglos über die Straße stolpern.

An der Kreuzung südöstlich vom Schloß rollte ich in nördlicher Richtung weiter und bog hinter der Brücke über die Spree in die Mierendorffstraße ab. Halb rechts kam ich auf die Kaiserin-Augusta-Allee und an der zweiten Straße hinter dem Kanal, bereits in Moabit, gelangte ich in die Wiebestraße. Nördlich der kreuzenden Huttenstraße befindet sich links das Meilenwerk. Ich verbrachte dort eine knappe Stunde, besonders die fantastisch erhaltene Shelby Cobra hatte es mir angetan (dieser Motor mit vier Rädern).

berlin2008 berlinerkaffeeroesterei Ein Sonntag in BerlinNach der Besichtigung des Meilenwerks hatte ich Lust auf eine Trinkschokolade bei Fassbender und Rausch in der Charlottenstraße. Ich erinnerte mich aber an das Gespräch mit der Bikerin an der Spinnerbrücke, die von zahlreichen Strassensperrungen in Berlin-Mitte aufgrund einer Veranstaltung berichtet hatte. Mit fiel ein, dass es in der Uhlandstraße, südlich vom Kurfürstendamm, die Berliner Kaffeerösterei gibt. Über die Gotzkowskybrücke, den Ernst-Reuter-Platz und die Hardenbergstraße gelangte ich über den Steinplatz in die Uhlandstraße, direkt vor dem Lokal gab es auch eine freie Lücke für die 750er.

berlin2008 kaffeekuchen Ein Sonntag in BerlinDie Rösterei liegt nicht nur in direkter Nähe zum Kurfürstendamm, sie verlangt auch entsprechende Preise. Dafür gibt es eine exzellente Auswahl an Kaffee- und Teesorten, sogar eine ‘echte’ Trinkschokolade. Das Kuchenbuffet sah äußerst lecker aus, nach der Qual der Wahl entschied ich mich für ein Stück Erdbeertorte. Dazu nahm ich einen ‘Mexico Maragogype Superior’ in der Cafetière, zu der es auch ein Glas Wasser gab. Die Atmosphäre an den Tischen auf dem Gehweg vor dem Lokal gefiel mir – das Beobachten der teilweise schon arg degenerierten Gestalten rund um den Kurfürstendamm, die ihren echten oder von der Bank finanzierten Wohlstand präsentierten, konnte ich nur mit Humor nehmen. Ich bestellte mir noch ein bleifreies Weizen und lies die Zeit passieren.

Der Nachmittag ging langsam über in den Abend. Ich nutzte die freien Straßen um nach dem Weizen noch ein paar Lokalitäten auszukundschaften. Über den Kurfürstendamm fuhr ich zur Tauentzienstraße, dann an der Urania vorbei in nordöstlicher Richtung bis zum Lützowplatz, von dort östlich weiter in das Lützowufer: eine schöne Straße, die direkt am Kanal entlang führt. Nach der Durchquerung von Kreuzberg kam ich zur Oberbaumbrücke, die mich über die Spree nach Friedrichshain brachte.

berlin2008 oststrand Ein Sonntag in BerlinDirekt an der Nordostseite der Spree gibt es ein Strandlokal, das offiziell in der Mühlenstraße liegt, sich aber direkt an der Brücke befindet. Ebenfalls in direkter Nähe zur Brücke liegt das Hostel Eastern Comfort, ein zu einem Hostel umgebautes Schiff. Auf der Kreuzberg-Seite lag ebenfalls ein Schiff, dort mit der Aufschrift Western Comfort. Ich nehme an es gehört zum Eastern Comfort. Wirklich einladend sah die Umgebung dort nicht aus, auf der anderen Seite hätte eine Übernachtung auf einem Schiff vermutlich auch etwas.

berlin2008 route66 Ein Sonntag in BerlinÜber die Warschauer, Petersburger und Danziger Straße fuhr ich weiter zum Prenzlauer Berg. Ich suchte und fand das Smoothees in der Kastanienallee. Ich hatte ein Restaurant erwartet, es ist aber mehr eine Art Imbiss. Ich werde es sicher irgendwann einmal ausprobieren, gesundes Fastfood mit Obst und Gemüse kann so schlecht nicht sein. Ich wollte den Bikersonntag mit einem zünftigen Cheeseburger beenden und anschließend noch etwas durch Berlin ziehen, darum peilte ich erst mein Hotel in Neuköln an und nach einer Dusche den Route 66 Diner in Charlottenburg.

Ich hatte an diesem Tag nur meinen kleinen Rucksack dabei, den Tankrucksack lies ich im Hotel. Dementsprechend hatte ich auch kein Kartenfach vor mir. Zeitweise schob ich mir den Stadtplan unter die Lederjacke; meistens hatte ich mir vorher angeschaut, wo ich hin möchte und bin dann aus dem Gedächnis gefahren. Für die Verbesserung der Ortskenntnisse nicht das schlechteste Verfahren. Keine 100 Kilometer waren es an diesem Tag, nicht sehr viele für einen ganzen Tag. Für mich war es die bislang kürzteste Tagestour, aber auch einer der besten Tage mit dem Mopped und in Berlin.

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