Adults 12,50 – Mind your head

Zu meinem zweiwöchigen Aufenthalt in Südengland werde ich keinen ausführlichen Reisebericht schreiben. Ich habe mir zu wenig Notizen gemacht und das Schreiben aus den mehr als zwei Wochen alten Erinnerungen ist zu unvollständig, als dass der Bericht genügend Substanz hätte. In diesem Posting fasse ich ein paar generelle Eindrücke sowie einige Skurilitäten zusammen, die mir während der Reise entlang Südenglands Küste aufgefallen sind.

Mind the gap

London, Underground, Leicester Square StationIn London dürfte es nicht lange dauern, bis der Besucher über das erste „Mind the gap” T-Shirt stolpert. Entweder spannt es sich über den Bierbauch eines Touristen oder es fällt einem in einer der Auslagen der Geschäfte auf. Spätestens in der Underground, wie die Londoner U-Bahn genannt wird, wird einem der Hintergrund klar. Keine Durchsage, die nicht den Hinweis „Mind the gap” enthält. Gemeint ist damit vermutlich der Spalt zwischen dem Zug und dem Bahnsteig. Er ist zwar nicht größer als bei den U-Bahnen in anderen europäischen Städten, aber in London wird ständig darauf hingewiesen.

In die gleiche Kategorie fällt der an diverse Holzbalken oder tief positionierte Türstürze montierte Hinweis „Mind the head” oder, wenn es persönlicher ist, „Mind your head”. Dort funktioniert der Hinweis sogar, zumindest kurzzeitig. Sobald die drei Worte auftauchen, hält man kurz inne, grinst dann über den Hinweis und läuft weiter – natürlich mit dem Kopf gegen das Hindernis.

Mind the beauty

Dartmoor, EnglandWer schöne Landschaften sucht, dürfte überall in Südengland sein Glück finden. Die weißen Klippen von Dover sind nicht nur dort weiß sondern bis kurz hinter Eastbourne, auch wenn sie dort nicht besungen werden (und übrigens auch nicht weniger steil sind). Landstriche, die mal flach und weitläufig sind wie im Norden Deutschlands und mal hügelig, als ob das Weserbergland einen englischen Bruder hätte, wechseln sich ab. Auf dem Weg von Kent bis Cornwall erwartet den Reisenden ein kleines Kaleidoskop nordeuropäischer Landschaften.

An einigen Stellen wird es vermutlich auch Weitgereisten die Sprache verschlagen, mir ging es jedenfalls im Dartmoor so. Wenn ich aus den zahlreichen Erlebnissen das nennen soll, dass ich am eindrucksvollsten empfand, dann war es mein zeitweiser Atemstillstand, als ich erstmalig die Hochebene im Dartmoor erreichte und mein Blick über die Landschaft glitt. Mir fehlen die Worte, um diesen Frieden der Natur zu beschreiben.

Mind the ticket

Alles, was in England auch nur entfernt für Touristen interessant sein könnte, kostet Eintritt. 8 Pfund, umgerechnet gut 10 EUR, für die Eintrittskarte sind eher günstig als überhöht, meistens kosten die Extra wie zum Beispiel ein Audioguide extra. Auch bei der Frage „ob man Interesse an einem kleinen Prospekt” hat, sollte man tunlichst aufpassen. Im Historic Dockyard in Portsmouth standen später auf der Quittung weitere 5 Pfund. Es grenzt fast schon an ein Wunder, dass die Geschäfte noch keinen Eintritt verlangen. Einzig die Toiletten sind in der Regel kostenfrei, dies ist in Deutschland häufig anders.

Viele historische Bauten und/oder Gärten wurden von dem National Trust übernommen. Eine Jahresmitgliedschaft kostet 46 GBP, für zwei Personen 77 GBP. Mit der Jahresmitgliedschaft hat man zu den vom National Trust verwalteten Orten kostenfreien Zugriff, auch die Parkgebühr entfällt. Wer sich mehr als sechs Orte anschaut, dürfte mit der Jahresmitgliedschaft meistens günstiger fahren.

Mind the water

Waschbecken in EnglandIch erwähnte gerade die Toiletten. Zu einer Toilette gehört auch ein Waschbecken, zu dem Waschbecken ein Wasserhahn, meistens sogar zwei. Die Mischbatterien, die in anderen europäischen Staaten kurz nach dem Krieg Verbreitung fanden, sind in England nur selten anzufinden, an öffentlichen Plätzen praktisch nie. Überhaupt stellt sich mir die Frage, welche Gedanken bei der Konzeption englischer Waschbecken zugrunde lagen. Es fängt damit an, dass der Abstand des Wasserstrahls zum Beckenrand meistens so positioniert ist, dass er gerade noch nicht das Porzellan berührt. Intensiver Beckenkontakt ist beim Händewaschen garantiert.

Die meistens zwei Wasserhähne sind mit „Cold” und „Hot” bezeichnet. „Hot” means hot.

Mind the alcohol

Der Engländer trinkt, um sich zu betrinken, hatte ich vor meinem Urlaub in einem Buch gelesen, dass sich mit den Gepflogenheiten in England beschäftigt. Es scheint zu stimmen, viele scheinen tatsächlich nach der Device „halb besoffen ist rausgeschmissenes Geld” zu leben. Selbst in kleineren Städten dürfte die Anzahl der gegen Mitternach nach Hause torkelnden Menschen mit der Anzahl der Betrunkenen und Bekifften auf dem Berliner Alexanderplatz an einem Samstagabend mithalten.

Die Begleiterscheinungen sind offensichtlich. In den Küstenstädten steht vor den Lokalen die Security. Die Kontrolle vor einem Pub (!) in Portsmouth war genauso scharf wie auf dem Robbie Williams Konzert in Berlin: Einlaßkontrolle auf Basis von Gesicht und Ausweis, Rucksäcke und Taschen wurden bis auf das letzte Fach durchsucht. Eine Frau mittleren Alters, die vor dem Pub in einer Nische telefonierte, wurde von dort verwiesen – die Security mochte es nicht, wenn sie nicht alles im Blick hatte. Wie gesagt, ein Pub in Portsmouth.

Mind the breakfast

Englisches FrühstückDie wichtigste Grundregel für alle Englandreisende, denen zumindest an einer entfernt gesunden Ernährung liegt ist, jede Frage, die die Worte „full english breakfast” enthält, mit einem „no” zu beantworten. Das gilt natürlich nicht für gichtversessene Vielfleischesser, die auch gerne mal den Tag mit einem Eisbein beginnen. Mit dem „no” gibt es nur ein Problem: der- oder diejenige, die einem das Full English Frühstück angeboten hat, ist anschließend etwas pikiert.

Es bedarf daher einer Ausrede. Wirkungsvoll ist die Ausrede, dass man gerade von einer “diarrhoea recovered”, jedenfalls wurde diese Ausrede bei mir akzeptiert. Dumm, dass die Ausrede in den ersten Tagen auch keineswegs gelogen war. Es gibt auch zahlreiche Alternativen zum Full English Breakfast, diese enthalten aber quasi alle mindestens ein Ei, meistens mehrere. Das Kontinental besteht übrigens je nach Anbieter aus Toasts und zwei oder drei Sorten Marmelade, dazu gibt es Orangensaft und Cornflakes. Eine etwas gesenkte Erwartungshaltung beim Frühstück verhindert spätere Enttäuschungen.

Mind the show

Nochmal Portsmouth, die Szene könnte aber auch überall sonst spielen. Wir standen etwas ungünstig im Eingang zum Pizza Hut in Portsmouth, als ein jüngerer Typ uns freundlich darauf aufmerksam machte, dass er so nicht auf den Bürgersteig kommt. Ein freundliches Lächeln, wir traten zur Seite, er nickte dankbar und verließ den Pizza Hut. Soweit, so gut.

Er ging ungefähr zwei Schritte auf den Bürgersteig, rückte seine Jacke zurecht und schien dann auf eine zweite Persönlichkeit umzuschalten. Laute „Yeah, Yeah” Rufe, dazu Tanzschritte und vom Körper wegschnellende Armbewegungen, schnippsende Finger – so zog er weiter in das Nachtleben. Auffallen um jeden Preis und dabei cool wirken.

3 Kommentare zum Artikel “Adults 12,50 – Mind your head”

  1. Also, ich liebe ja das Full English Breakfast, und dabei bin ich nichtmals gicht- und fleischversessen. Aber manchmal muss das sein.

    Und, nächstes Jahr wieder GB, oder vielleicht mal Schottland?

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