Die 50 Cent Frage

flipcoin Die 50 Cent Frage“Zum letzten Mal: Kopf oder Zahl?” fragte sie noch einmal, bevor sie die Münze in die Luft warf. Sein Blick, der eben noch durch das gedämpft beleuchtete Cafe auf die Bar gerichtet war, wo er sich im nichts verirrt hatte, kehrte zu ihr zurück. Tausend mal hatte er sie bereits lächelnd angesehen, sich über ihre Haarsträhne amüsiert, die immer dann in ihr Gesicht fiel, wenn sie sich aufregte und ihm von einem Erlebnis erzählte, das sie bewegte. Er mußte dann immer grinsen, was sie meistens mit dem Vorwurf quittierte, dass er sich nicht lustig über sie machen sollte, wenn sie wütend war. Die Strähne fiel ihr auch jetzt wieder ins Gesicht, doch diesmal blieb sein Gesicht starr.

Kopf oder Zahl – alles oder nichts – schwarz oder weiß. Ihre linke Hand ballte sich zur Faust während sie die Münze fing und knallte sie auf den Tisch. Ein kleines Stück Metall, nur eine 50 Cent Münze – sie hatte keinen Euro und er wollte keine Münze geben. Sie schien es ernst zu meinen: eine Gabelung auf dem Lebensweg und die Münze entschied ob links oder rechts – ob mir ihr oder ohne sie. Eine 50 Cent Frage. Er blickte sie immer noch an, doch sein Blick ging durch sie hindurch, verfing sich in den Gedanken an die letzten Monate. Monate voller Liebe, voller Lust, voller Freiheit.

Ihre Augen trafen sich wieder, er schüttelte ungläubig den Kopf. “Du willst diese Frage wirklich von einer Münze abhängig machen?”, fragte er sie. Sie nickte. “Wir kommen nicht weiter, wir haben das endlose Male diskutiert”, erwiderte sie. “Sag mir jetzt, wer Kopf ist und wer Zahl. Bin ich Kopf oder sie? Du wirst eine von uns aufgeben müssen. Ich will nicht mehr so weiter leben, ich kann das nicht. Du sagst, du kannst dich nicht entscheiden, also muss es wohl die Münze tun”. Sie blickte ihm voller Entschlossenheit in die Augen. Er liebte ihre Selbstsicherheit, er mochte es, wenn eine Frau wusste und sagte, was sie wollte – doch diesmal verunsicherte ihn ihr fester Blick. Sie meinte es ernst, tatsächlich ernst. Er sah auf ihre Hand, die auf dem Tisch lag und die Münze verdeckte. Es verging fast eine Minute, bis er sie wieder ansah. Ihr Blick traf ihn noch immer. “Ok”, sagte er schließlich, “du bist Kopf”.

Sie rührte sich nicht, blickte ihn noch ein Weile starr an, bevor sie mit ihrer Hand die Münze vom Tisch schob und sie ohne sie anzusehen in ihre Tasche steckte. Anschließend stand sie auf und zog ihren Mantel an. Sie schob den Stuhl an den Tisch, stellte sich kurz dahinter und sah ihn ein letztes Mal an. Ihr “Lebewohl” war mehr geflüstert als gesprochen, dann verliess sie das Cafe. Er wollte etwas sagen, doch die Resignation, die er in ihrem feuchten Blick gesehen hatte, liessen seine Worte sterben. Eine unheimliche Stille legte sich über ihn. Es war, als ob ihn plötzlich eine Leere überkam, die in dieser Form neu für ihn war.

Die Geräuschkulisse aus Hintergrundmusik und anderen Gesprächen war wie ein leichter Nebel, der durch seine flüchtigen Gedanken strich. Er sah zur Kerze, die auf dem kleinen Tisch brannte, er sah ihr kleines Schattenspiel im Dämmerlicht. Die Frau, die vom Nebentisch aufstand und zu ihm rüberkam, nahm er erst wahr, als sie in ansprach. Ihr Frage “Entschuldigung, darf ich mich kurz setzen” beantwortete er mit einem kurzen Nicken, noch bevor er sich fragte, was sie eigentlich von ihm wollte. Sie war deutlich älter als er, er tippte auf weit über 50 aber er sah, dass sie einmal sehr schön gewesen sein muß und für ihr Alter auch heute noch gut aussah.

Sie lächelte ihn verlegen an. “Wissen Sie”, fing sie an, “vielleicht lachen sie gleich laut über das, was ich ihnen erzähle. Vielleicht liege ich vollkommen daneben und mache mich lächerlich. Doch irgendetwas treibt mich, es zu erzählen”. Sie sah, wie sie langsam sein Interesse weckte. Wahrscheinlich hätte er ihre Unsicherheit gesehen, wenn er auf ihre Hand geachtet hätte, die zu dem verloren auf dem Tisch liegenden Bierdeckel griff. Er sagte immer noch nichts, erwiderte einfach ihren Blick, der inzwischen von dem Bierdeckel wieder auf ihn gerichtet war. “Ich habe den Blick der Frau gesehen, die die Münze geworfen hatte und es hat mich an etwas erinnert”.

Sie spürte jetzt, dass sie inzwischen seine ganze Aufmerksamkeit hatte. “Vor vielen Jahren sass ich auch hier und ein Mann hat mir zwei Streichhölzer hingehalten und mich gebeten eines zu ziehen. Das lange stand für ihn, dass kurze für einen anderen”. Sie sah an seinem Blick, dass sie sich nicht geirrte hatte. Er mußte ganz kurz lachen, es war mehr ein gestossenes Ausatmen als ein Lachen. “Lassen sie mich raten. Sie haben das kurze gezogen und es bereut”. Sie schüttelte den Kopf. “Dann sind sie mit ihm unglücklich geworden und hätten lieber das kurze gezogen?”, frage er weiter. Sie schüttelte wieder den Kopf und sah zu dem Bierdeckel, der immer noch ihre Hände beschäftigte. “Nein. Er stand auf und ging, wenige Sekunden nachdem ich das lange Streichholz gezogen hatte”. Sie sah ihn an und spürte, dass er nicht verstand, was sie ihm eigentlich sagen wollte.

Ihre Augen wurde nun etwas feucht. “Der Fehler war nicht, dass ich das falsche Streichholz gezogen hatte”. Er wollte etwas sagen, ahnte aber, dass sie von alleine weitererzählen würde. “Es ging ihm nicht darum, welches Streichholz ich zog sondern ob ich überhaupt ziehen würde. Ich zog, das war mein erster Fehler”. Sie macht eine kleine Pause. “Der zweite Fehler war, dass ich ihm nicht hinterher gelaufen bin und ihm gesagt habe, er soll das beschissene Streichholz vergessen und meine Hand nehmen”. Sie legte den Bierdeckel wieder auf den Tisch, sah ihm dann direkt in die Augen.

Er wusste nicht, wie lange sie sich schweigend ansahen. Nach einer Weile nickte er, zunächst langsam und bedächtig, dann kniff er seine Lippen aufeinander, nickte kräftiger. Er holte einen 20 Euro Schein aus seiner Hosentasche und legte ihn auf den Tisch. “Könnten Sie bitte für mich zahlen, das hier sollte reichen. Ich möchte am Bahnhof sein, bevor ein bestimmter Zug eintrifft”. Er stand auf, zog schnell seine Jacke an und war bereits zwei Schritte gegangen, als er sich umdrehte und ihr noch Danke sagen wollte. “Viel Glück” sagte sie. Er dankte nur noch mit einem Nicken, bevor er das Cafe verliess und zum Bahnhof lief.

(Zum Artikel in der Schreibwerkstatt)

6 Kommentare zum Artikel “Die 50 Cent Frage”

  1. Was sind denn das für Talente, die sich da auftun! Ich bin ziemlich beeindruckt und mir ich finde die Geschichte sehr anschaulich erzählt und sehe die Figuren an kleinen braunen Tischen auf hölzernen Stühle mit geschwungenen Rückenlehnen und höre die gedämpften Stimmen der anderen Gäste. Mir gefällt, dass die Personen keine Namen haben und ich meine, du hast diese schöne, nachdenkliche Erzählung perfekt in einen überschaubaren Umfang gepackt. Negatives habe ich nicht zu sagen, nur, dass du erst jetzt damit anfängst!

  2. Gut erzählte Geschichte. Anschaulich, schlüssig. Du nimmst den Leser praktisch mit an den Tisch, lässt ihn aber trotzdem nur so nah heran, dass die Spannung erhalten bleibt.
    Ich überlege nur, ob Du nicht im letzten Absatz zu viel erzählst. Ich denke, Deine Leser haben die Frau bis dahin genauso verstanden wie Dein Held. Seine Erklärung wirkt auf mich etwas angehängt. Für mich wäre die Sache runder, wenn er einfach nur zahlt, dankt und geht (Okay, aus dem Lokal stürzt ;-)).
    Ich bin gespannt, was wir noch alles von Dir zu lesen bekommen.

    • Ich stimme dir zu, was den Schluß angeht. So richtig glücklich war ich damit auch nicht, wußte aber auch nicht, was mich stört. Er ist zu direkt, die Beschreibung der Reaktion hätte vollkommen gereicht.

      Danke :-)

  3. Finde die Geschichte sehr gut gewählt, begonnen und umgesetzt. Sie zieht einen förmlich mit an den Tisch der beiden Protagonisten.
    Das “Perfekte Ende” sehe ich allerdings schon an dem Punkt, an dem sie das Café verläßt. Jedes weitere Woche – und somit der komplette Part der netten Dame vom Nachbartisch sowie sein reumütiger Wahn zu Zahlung und Bahnhofsgang – wirkt auf mich nur noch erklärend und nimmt, meiner Meinung nach, der Geschichte jede Menge Leben und Spannung, die vorher schön fühlbar waren, wieder raus.
    Nur ein Gedanke: Vielleicht einfach beim nächsten Mal mehr auf Phantasie und (Moral)-Verständnis der geneigten Leserschaft bauen. ;)
    Ansonsten fand ich ihren Abgang kurz, knapp, knackig, gut platziert. Nur das einzelne “Lebewohl” kam nach dieser Mega-Geschichte als extrem “human” und emotionslos. Hätte mir was ausdrucksstärkeres gewünscht. Wobei dies allerdings eine Sache der subjektiven interpretatorischen Empfindungen des einzelnen Lesern sein dürfte.
    Eines steht jedoch fest: MEHR DAVON! Bitte… :)

    • Ja, vielleicht hätte man die Geschichte da schon enden lassen können/sollen. In dem Fall wäre auch der letzte Satz in dem Absatz “Ein unheimliche Stille …” überflüssig gewesen, da dieser Satz bereits auf den zweiten Teil überleitet.

      Ein ‘Lebewohl’ hat für mich die – zumindest symbolische – Bedeutung des endgültigen Abschieds, eines “Nimmerwiedersehens” (ob man das in der Praxis so einhält, ist dann noch eine andere Geschichte). Wenn man die Geschichte an der Stelle hätte enden lassen, wäre vielleicht ein Schluß der folgenden Art runder gewesen:

      “… und sah in ein letztes Mal an. “Und du fragst mich, ob ich diese Frage von einer Münze abhängig machen möchte?”, ihre Stimme brach fast, hatte ihre Festigkeit verloren. Ihr Blick fiel runter zur Kerze auf den Tisch, er sah, wie sie leicht ihren Kopf schüttelte. Ohne ihn noch ein weiteres Mal anzusehen, verließ sie das Cafe. Er wollte etwas sagen, doch die Resignation, die er in ihrem feuchten Blick gesehen hatte, liessen seine Worte sterben.”

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