Tödliche Samstage

“Man hatte schon wieder Ratten im Soufflé gefunden”, schallte es durch den großen Raum. Klaus Walinski brauchte sich nicht umzudrehen. Er kannte die fröhliche Stimme von Andreas Schreiner, der vermutlich auch einer Witwe bei der Beerdigung ihres geliebten Ehemanns noch die Vorteile der Situation erläutern könnte – und sie spätestens am nächsten Tag im Bett hätte. “Na, aus welchem Loch kommst du gerade”, fragte er Andreas, der inzwischen neben ihm stand und auf den letzten, verbliebenden Gast in dem Restaurant schaute.

Andreas drehte sich zu Kommissar Walinsiki um, um sicher zu sein, dass Walsinki sein Grinsen sehen konnte: “Aus einem feuchten, warmen”. Walinski schaute auf seine Uhr: “Holla, und dann schon hier? Respekt!”. Andreas richtete seinen Blick wieder auf den letzten Gast aus: “War diesmal ein anderes Loch, wohnt gleich hier um die Ecke”. Walinski mochte Andreas Schreiner – ausgenommen in den Momenten, in denen er ihm Einblick in die Vielfalt seines Liebeslebens gab. Nicht, das Walsinki ihm das nicht gegönnt hatte – es war nur sehr konträr zu seinem eigenen, dass aus viel Handarbeit und einem gelegentlichen Gang in den Puff bestand.

“Kann er so atmen”, fragte Andreas und es war klar, dass er den letzten Gast meinte, der mit dem Gesicht nach unten in einem hinreichend vollen Suppenteller lag. “Vermutlich nicht”, antwortete Walinski, “vermutlich ist er deswegen tot”. “Sieht aus wie ne Transe, der Typ”, ergänzte Andreas.

“Prinzipiell richtig, deswegen darf er aber trotzdem sterben.”
“Hmm. Was ist das für eine Suppe?”
“Probiere sie und lass es mich wissen.”
“Könnte eine Minestrone sein”, murmelte Andreas. Er machte eine kleine Pause, bevor er fortfuhr.

“Kennt ihr schon die Todesursache?”
“Nee. Die Spurensicherung ist noch unterwegs, Walter wollte noch sein Loch zu Ende spielen.”
“Ich dachte, Walter wäre schwul.”
Walinski atmete tief ein. “Ist er auch, das weiß man im Golfclub aber nicht. Ausserdem bieten sich auch einem Schwulen Löcher.” Ein leichtes Kopfschütteln begleitete seine Antwort.
“Richtig. Vergesse ich ab und zu, ich mag diese Löcher nicht.”
“Meinst du die im Rasen oder die hinteren?”
“Die hinteren – Golf spiele ich aber auch nicht.” Andreas verkniff sich die Bemerkung, dass er noch Sex hätte. Zum einem war dies hinreichend bekannt, zum anderen spielte Walinski inzwischen auch Golf.

Der große Raum wirkte mit seinen vielen runden, mit weißen Decken behangenen Tischen in dem hellen Scheinwerferlicht ungemütlich. Mitten in dieser Leere stand der Tisch mit der nach vorn geneigten, mit dem Gesicht in der Suppe liegenden Leiche. Die Arme hingen vor der Tischkante nach unten. Dank der umgehängten Serviette hatte die Kleidung des Mannes keine Spritzer abgekommen, wie sich später rausstellen sollte. Der Löffel lag links neben dem Teller auf der Tischdecke.

“Offensichtlich ein Verlust in der Linkshänderfraktion”, sagte Andreas.
“Du meinst wegen dem Löffel?”
Andreas Schreiner nickte.
“Was war das eigentlich vorhin mit den Ratten”, fragte Walinski.
“Ein paar Streifenbeamten unterhielten sich am Eingang über das Restaurant. Ich fragte sie, worum es geht und sie erzählten mir, dass gestern ein Prüfer von dem Gesundheitsamt hier war und eine Ratte in der Küche gesehen hatte.”
“Aha. Warum war das Restaurant dann heute noch offen.”
“Das fragte ich mich auch. Gestern nachmittag waren aber die ersten Pokalspiele, am Wochenende arbeitet keiner im Amt und sie wollten das Lokal dann wohl am Montag schließen.”
“Die Jungs vom Gesundsheitsamt sterben auch, ohne arbeiten zu müssen.”
“Ist ja nicht das erste Mal, dass sie hier etwas finden”, fügte Andreas hinzu, “langsam reicht es für ein Jubiläum.”
Walinski drehte sich kurz um, um sich zu versichern, dass keiner hinter ihm stand. “Es hat schon seine Vorteile, wenn man der Schwager vom Bürgermeister ist.”
“Der Restaurantbesitzer?”, fragte Andreas.
Walinksi nickte.
“Naja, ist ja eigentlich bekannt, dass man hier nicht ißt.”
“Nee”, erwiderte Walinski, “hier ißt man nicht, hier stirbt man”.
“Offensichtlich”, ergänzte Andreas, während er wieder die Leiche ansah.

Hinter ihnen polterte etwas. Sie blickten zum Eingang und sahen gerade noch wie der von Walter Südenböck abgestellte Golfsack an dem Heizkörper entlang rutschte und mit einem dumpfen, klappernden Geräusch auf dem Fußboden zum Stillstand kam. Walter Südenböck, ein hagerer Mann mit grauen Haaren Mitte 50 ging auf die beiden Kollegen von der Kripo zu. Sie schüttelten sich kurz die Hände, dann sah der Gerichtsmediziner zu der Leiche. Er verhaarte einen Moment, zog dann die Augenbrauen hoch.

“Das ist die Leiche”, sagte Klaus Walinski.
“Vermutlich ein Linkshänder”, sagte Andreas Schreiner.
“Das ist Dieter Burske”, sagte Walter Südenböck.

Es entstand eine kleine Pause, in der keiner etwas sagte und nur die Lüfter der alten Klimaanlage leise zu hören waren.

“Du kennst ihn?”, Walinski brach das Schweigen.
“Naja, flüchtig”, Walter räusperte sich.

Andreas schaute konzentriert auf die Leiche, dessen Gesicht aus ihrer Position nicht zu erkennen war. Dafür konnte er durch das hinten etwas abstehende Hemd des Toten ein kleines Muttermal auf dem Rücken sehen, dass eine sehr eigenwillige Form hatte. Er flüsterte Walinski ins Ohr: “Mit flüchtig meint er mehr von hinten”.

“Was sagtest du”, fragte Walter.
“Ich sagte ‘gut das du ihn kennst, das vereinfacht vielleicht die Untersuchung’.”
“Ja ja … war ein armer Kerl”.
“Inwiefern”, fragte Walinski.
“Naja”, antwortete Walter, “er hatte diverse Tierallergien. Katzen, Hunde, Vögel und ganz speziell Ratten.”
“Na fein, die Ratten wohnen hier in der Küche.”

Walter Südenböck zog sich die Handschuhe an und zog den Kopf aus der Suppe. Auf dem Gesicht waren dunkle Flecken zu erkennen, die Walinski zunächst für Bestandteile der Suppe hielt. “Pusteln”, sagte Walter mehr zu sich selbst als zu den beiden Kollegen, “sieht ganz nach einer starken allergischen Reaktion aus”. Er schaute auf seine Uhr. “Blöd, dass Dieter kurz vor dem heutigen Pokalspiel ableben mußte. Er tauchte aber schon immer zu den ungünstigsten Momenten auf.”

“Wenn es dich beruhigt, ich schaffe es auch nicht mehr rechtzeitig nach Hause”, gab Walinski bekannt.
“Ich wohne hier direkt um die Ecke”, erwiderte Walter.

Magische Sätze sind Sätze, die im Raum schweben bleiben, Gedanken kreisen lassen und eine Stille erzeugen, die manchmal unheimlich sein kann. Wieder war Walinski derjenige, der das Schweigen brach.

“Wie sicher bist du dir mit der Rattenallergie”, fragte er.
“Naja, ziemlich sicher. Ich glaube schon, dass Dieter eine Rattenallergie hatte.”
“Eigentlich ist der Tathergang dann ja klar, oder?”, fragte Walinski.
Walter überlegte einen Moment. “Er könnte beim Essen durch seine Allergie ohnmächtig geworden sein, ist mit dem Gesicht in die Suppe gefallen und dann erstickt.”

Wieder verging eine knappe Minute, in der die drei Männer schweigend und diesmal zusätzlich nickend an dem Tisch standen.

“Plausibel”, entschied Walinski, “Unfall durch eine minder fahrlässige Unachtsamkeit in der Küche, kommt in den besten Familien vor. Die Obduktion ist unnötig.”
“Wir sollen doch eh Geld sparen, wo wir können”, ergänzte Andreas.
“Kannst du noch ein Sixpack von der Tanke besorgen, auf dem Weg zu mir”, fragte Walter Andreas.
“Nee, Jungs”, erwiderte Andreas, “schaut ihr mal das Spiel im Fernsehen, ich spiele lieber selbst”. Walter runzelte die Stirn und Andreas rückte seine Hose zurecht, grinste und warf ein “klebt noch” hinterher.

Epilog

Schalke schlug Bayern an diesem Samstag mit 3:1. Walinski und Südenböck holten sich im Freudentaumel noch drei weitere Sixpacks von der Tankstelle und wachten am nächsten Morgen mit ziehenden Kopfschmerzen in der Wohnung von Walter auf. Den Ruf, mit Walter Südenböck ein Verhältnis zu haben, wurde Walsinski nie richtig los.

Andreas Schreiner spielte noch drei Runden. Am Ende der dritten blieb erst er zu lange in seiner Gespielin, dann das Gummi seines beim Nachspiel erschlafften Schwanzes. Seine Befürchtungen, womöglich Vater zu werden, waren unbegründet – er war zeugungsunfähig, sollte dies aber nie erfahren.

Es war nicht Dieter, der die Rattenallergie hatte, sondern Rüdiger. Dieter hatte einen Herzanfall, bevor er in die Suppe fiel. Rüdiger arbeitete in einer Tankstelle und starb an dem gleichen Samstag auf dem Weg von der Tankstelle nach Hause. Er wurde indirekt durch eine Bierflasche getötet, die ein betrunkener Fußballfan über die Balkonbrüstung aus dem dritten Stock eines Wohnhauses warf. Es war eine der Bierflaschen, die er am selben Abend an Walinski verkauft hatte. Nach dem Aufprall torkelte er auf die Straße und wurde von einem LKW-Fahrer überrollt, der sich auf dem Heimweg zu seiner Frau und seinen Kindern befand.

Der LKW Fahrer konnte nicht mehr ausweichen, verlor seinen Führerschein und wurde wegen fahrlässiger Tötung zu zwei Jahren Haft verurteilt. Im Gefängnis geriet er unschuldig in eine Messerstecherei und starb, ebenfalls an einem Samstag. Durch den Unfall mit Rüdiger kam er am Tag des Pokalspiels nicht vorzeitig nach Hause. Er erfuhr nie, dass Andreas Schreiner an diesem Abend seine Frau viermal vögelte.

(Zum Artikel in der Schreibwerkstatt)

3 Kommentare zum Artikel “Tödliche Samstage”

  1. Die Idee eines Dreigespanns ermittelnder Kommissare fand ich sehr gelungen. Seltsamerweise hatte ich enorme Probleme beim Auseinanderhalten der Charaktere Walinski, Walter und Andreas, was aber an meiner heute mangelnden Fähigkeit zur Konzentration liegen mag. Erst als ich die Geschichte mehrmals gelesen hatte, zeichnete sich vor meinem geistigen Auge ein Bild der drei Herren, evtl. wäre eine vage Altersangabe oder äußerliche Beschreibung der Protagonisten für mich hilfreich gewesen. Dass ich mir einzig Andreas Schreiner als öligen, dunkelhaarigen Schlacks mit Lederimitat-Jacke vorstelle, mag an deiner amüsanten Beschreibung seiner Freizeitaktivitäten liegen …
    Im Epilog schreibst du, dass der Suppen-Dieter einem Herzanfall erlag, oben hat Walter Pusteln und eine allergische Reaktion festgestellt, war Dieter vielleicht gegen Gemüse allergisch o.ä.? Habe ich das richtig verstanden, hat Walter S. Rüdiger von der Tankstelle und Dieter verwechselt? Den Epilog habe ich auch mehrmals gelesen, um zu verstehen. Gehe ich recht in der Annahme, dass die Bierflasche aus dem dritten Stock von Walter oder Walinski stammt?

    Ich hoffe, du verzeihst, dass ich dir hier so viele Fragen stelle, aber auch nach häufigem Lesen liegt vor mir ein Puzzle an Worten, das ich jedesmal neu zusammensetze … ;-)

    • Ich fand es bei den Dialogen sehr schwierig die Personenzuordnungen einfach zu gestalten. Wie macht man das am besten? Jede Aussage mit “sagte X”, “meinte Y”, “offenbarte Z” abzuschließen ist auch blöde, nur an wenigen Stellen einen solchen Kommentar anzufügen, vermutlich auch nicht. Nicht einfach – die Suche nach dem Mittelweg …

      Jetzt, wo du es sagst: zu den Personen selbst sage ich eigentlich herzlich wenig bis gar nichts – letztendlich bleiben auch die Charaktere unsichtbar. Interessant zu wissen, welche Sicht du von dem Andreas hast :-)

      Zu den Pusteln: es sollten die Bestandteile der Suppe sein, wie Walinski zunächst dachte. Das ist aber ein klarer Logikfehler: der Mediziner sollte diese von Pusteln klar unterscheiden können – das es doch keine Pusteln waren, ist unglaubwürdig.

      Yep. Walter hat den Dieter mit dem Rüdiger verwechselt. Und nochmals Yep, die Bierflasche stammt von Walter oder Walinski – angelehnt an die Episodenfilme, in denen auch alles über Fäden aneinanderhängt. Wobei mir gerade der Epilog sehr viel Spaß gemacht hat. Das Zusammenziehen von zunächst unabhängig scheinenden Situationen finde ich interessant, das werde ich vielleicht demnächst wieder probieren.

      Ein großes DANKE für deine Kritik :-)

    • Stimmt, die Epilog-Sache hat was … gefällt mir in den Filmen auch immer gut. Zu den Dialogen fällt mir nur ein, dass es beim Schreiben vielleicht einfacher wäre, Befindlichkeiten und Stimmungen gleich mit einzubauen und mehr Abwechslung hinsichtlich der Anfänge zu geben, z.B.:

      ”Ein paar Streifenbeamte unterhielten sich am Eingang über das Restaurant. Ich fragte sie, worum es geht und sie erzählten mir, dass gestern ein Prüfer von dem Gesundheitsamt hier war und eine Ratte in der Küche gesehen hatte.”, erzählte Andreas ungewohnt ausführlich. Walinski schaute ihn verwundert an: ”Aha. Warum war das Restaurant dann heute noch offen?”
      ”Das fragte ich mich auch” erklärte Andreas schulterzuckend. “Gestern nachmittag waren aber die ersten Pokalspiele, am Wochenende arbeitet keiner im Amt und sie wollten das Lokal dann wohl am Montag schließen.”
      Mit neidischem Unterton zischte Walinski: ”Die Jungs vom Gesundsheitsamt sterben auch, ohne arbeiten zu müssen.”

      Oder so ähnlich ;-)

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