Mein russischer Kollege ist ein ganz lieber Kerl und für einen Russen von einer erstaunlich vorsichtigen Sorte. Er fährt mit Sicherheitsgurt und im Stadtverkehr nicht viel schneller als 90 km/h. Seine Kollegen werfen ihm vor, er hätte zu wenig Mut, sagte er mir.
Nach der Zimmerprüfung im Sputnik-Hotel ging ich mit dem Kollegen noch zum Balkon an der Ostseite des Gebäudes, um ein paar Panaroma-Fotos zu machen. Die Tür war nur angelehnt, der Balkon aber nicht unbedingt das, was ich erwartet hatte. Auf zwei dicken, rostigen Stahlträgern waren quer im Abstand von einigen Zentimetern Eisenstreben aufgeschweißt – dazu gab es noch ein Geländer. Die Streben sahen aus, als ob sie seit ihrer Montage 1968 keine Wartung erfahren hatten. Die Aussicht war aber zu schön, also tastete mein Fuß auf die Streben.
“Willst du da rausgehen”, fragte mich mein Kollege. “Ja, klar, wieso nicht?”, frage ich zurück. “Ich gehe da nicht drauf”, meinte er. Mein tastender Fuß stand inzwischen fest auf den Streben, mein Bauch sagte “go for it” und einen Augenblick später stand ich auf dem Balkon. Ich blickte zu meinem Kollegen und sah seinen skeptischen Blick. “Du hast zu wenig Mut”, sagte ich zu ihm, und er mußte grinsen. Das Gespräch über den Mut hatten wir gerade auf der Fahrt zum Hotel gehabt.