Tiefergelegtes Perfektionstraining

Fahrsicherheitszentrum Berlin Brandenburg LintheAm Montag war ich auf dem bereits angekündigten ADAC Perfektionstraining auf dem Fahrsicherheitszentrum Berlin-Linthe, angeblich Europas modernstem Fahrsicherheitszentrum. Die Beschreibung auf der ADAC Website ließ auf ein hohes Niveau schließen (Bremsen in der Kurve bis zum Stillstand; Notbremsungen aus Geschwindigkeiten bis 100 km/h; Bremsen und Ausweichen sowie ungebremte Spurwechsel bei ebenfalls höheren Geschwindigkeiten). Voraussetzung war ein ADAC Intensivtraining oder vergleichbares Training in der jüngeren Vergangenheit.

Das Training begann ähnlich wie das ADAC Intensivtraining mit einer Vorstellungsrunde, in der jeder der Teilnehmer seine Motorraderfahrungen und Erwartungen an das Sicherheitstraining kund tat. Erfreulich: unter den neun Teilnehmern waren drei Frauen – gute Chancen, sich mittags nicht über “den besten Reifen” und “das beste Motorrad” unterhalten zu müssen. Erstaunlich: zwei der Teilnehmer hatten noch nie ein Sicherheitstraining gehabt – ein Dritter meinte, dass er vermutlich noch nie mehr als 20° Grad Schräglage gefahren wäre. So eng sieht man es dann beim ADAC mit den Voraussetzungen wohl doch nicht…

Fahrsicherheitszentrum Berlin Brandenburg LintheDas eigentliche Training begann mit Vollbremsungen aus zunächst Tempo 50, danach 70 km/h. Das Wetter war nicht nur trocken sondern brütend heiß, glücklicherweise hatte ich alte Reifen drauf, die am Mittwoch eh gewechselt werden sollten. Es sind immer die gleichen Fehler, die ich bei den Notbremsungen mache – solche Dinge kann man vermutlich gar nicht häufig genug üben. Immerhin, an den Schlußstoppie auf den letzten ein bis zwei Metern habe ich mich bereits gewöhnt und der Reflex beim blockierten Vorderrad scheint auch zu sitzen.

Es folgte das Üben von Kurvenlinien auf einem kleinen Rundkurs: Nach kurzer Zeit wurden wir aufgeteilt, da vier Teilnehmer deutlich langsamer fuhren als der Rest, etwas überspitzt formuliert ihr Motorrad aufrecht um den Kurs manövrierten. Wie war das doch gleich mit der Voraussetzung für das Training?

Nach dem sehr guten Mittagessen, dass bei dem Training in Linthe nicht im Preis enthalten war, folgte ein zweiter Rundkurs, diesmal mit Serpentinen. Nach einiger Zeit wurden wir in zwei Gruppen aufgeteilt, um in den Serpentinen die Kurvenlinien mit dem üblicherweise anzutreffenden Gegenverkehr zu üben. Auf diesem Kurs wurde in den Serpentinen dann auch die Flucht ins Gelände geübt: aufrichten in der obersten Kurve, auf die Fußrasten stellen, Kupplung ziehen und den Weg bis zur nächsten Kurve “einen Stock tiefer” über den mit Gras bewachsenen Hang abkürzen. Beim ersten Mal hatte ich noch ein mulmiges Gefühl, beim zweiten Mal machte es bereits Spaß.

Fahrsicherheitszentrum Berlin Brandenburg LintheEs folgten Ausweichübungen bei Tempo 50, anschließend die Kombination Bremsen und Ausweichen aus Tempo 80. Der gleiche Abschnitt wurde dann bewässert, dann gab es Vollbremsungen auf nasser Straße bei Tempo 70 – zunächst auf Asphalt, dann auf einer Pflasterstrecke.

Im Vergleich zu der Anlage in Hannover bietet die in Linthe eine vollwertige Rundstrecke um das Testgelände herum, die es in sich hat. Sie beinhaltet einen Hügel, der auf der einen Seite eine fast schon serpentinenartige S-Kurve hat, auf der anderen mit einer langgezogenen Linkskurve nach unten führt, die in eine Schikane endet, auf die eine gut zu fahrende 90° Kehre folgt. Um es etwas kürzer zu machen: die Strecke macht einfach Laune.

Wir wurden wieder in zwei Gruppen eingeteilt, anschließend fuhr jeder zwei Runden hinter dem Instruktor und ließ sich dann zurückfallen. Bei meinem Versuch am Trainer dranzubleiben verlor meine linke Fußraste wieder etwas Material – für mich waren die beiden Runden an meinem persönlichen Limit. Gefahren bin ich im zweiten bis vierten Gang, meine Schaltdrehzahl lag oberhalb von 10.000 – noch Fragen? Der heiße Asphalt hinterließ auch seine Spuren: der Hinterreifen zeigte nach diesen Runden feine Risse, weiterhin klebten über die Lauffläche lauter kleine Steine im Gummi.

Fahrsicherheitszentrum Berlin Brandenburg LintheIn der zweiten Gruppe fuhren nur noch zwei Teilnehmer mit, wer Lust hatte durfte sich daher anschließen – so etwas lasse ich mir ja nicht zweimal sagen. Auch wenn es ein Vergnügen war, der Frau auf der R1150R zuzuschauen, die vorher auch schon in der schnellen Gruppe mitgefahren war und ihre Fußrasten immer dicht über den Asphalt bewegte, ich ließ mich ab und zu zurückfallen um dann an der nächsten Kurvenkombination etwas zu probieren. Nach einer Adrenalinbremsung aus Tempo 140 in einer langgezogenen Kurve vor einer Haarnadel habe ich das Probieren dann gelassen und beschlossen, dass die Konzentration wohl schon nachließ.

Insgesamt habe ich auf dem Trainingsgelände gut 80 Kilometer zurückgelegt. Auffällig war, dass es fast keine Theorieeinlagen gab. Durch die Sicherheitstrainingsneulinge wurde leider vieles von dem, was der ADAC im Internet ankündigt, nicht umgesetzt (z.B. die Bremsübungen aus den höheren Geschwindigkeiten oder das Bremsen in der Kurve bis zum Stillstand). Der Trainer hat sich bemüht, es beiden Gruppen recht zu machen – sinnvoller wäre aus meiner Sicht, wenn der ADAC nicht nur Voraussetzungen angeben sondern diese für den Fall, dass sich Legastheniker anmelden wollen, auch überprüfen würde.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: ich halte mich nicht für den tollen Hecht sondern für einen durchschnittlichen Fahrer. Ich hatte erwartet auf eine Gruppe zu treffen, in der ich bestenfalls im Mittelfeld liege. Letztendlich lag das Perfektionstraining von Ausnahmen abgesehen aber mehr oder minder auf dem Niveau des Intensivtrainings. Es hat Spaß gemacht, die Flucht ins Gelände hat wieder eine kleine Schranke beseitigt, das Fahren auf der Rundstrecke machte sehr viel Spaß. Gelernt habe ich auch wieder das eine oder andere, meine Erwartungshaltung wurde aber nicht erfüllt. Für die 150 EUR hatte ich mehr erwartet.

Ein Kommentar zum Artikel “Tiefergelegtes Perfektionstraining”

  1. Da scheint es doch locker eine 75%ige Deckung mit den Inhalten des Intensivtrainings zu geben, oder? Es klingt zumindest alles sehr bekannt. €150 sind außerdem schon ganz schönz grenzwertig, oder? Dafür bekommt man ja schon (fast) einen Tag auf der Rennstrecke… :-)

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