Schweizer Töff-Sandwich

Ein Nebenaspekt der diesjährigen Tour in die Alpen war eine seit langem geplante Töfftour mit Kollegen aus Bern. Da es eine Schweizer Tour war und den Schweizern der Begriff Motorrad oder gar Mopped nur sehr ungern über die Lippen kommt, schreibe ich Töfftour. Während der Deutsche als solcher unter einem Töff vermutlich ein Gefährt versteht, dass sehr wenig Hubraum und Leistung hat und dessen Zündungen nur durch leise “töff … töff” Geräusche begleitet werden, ist in der Schweiz ein Motorrad auch dann noch ein Töff, wenn es nicht nur “töff töff” macht, sondern auch brüllen kann.

Dass der erste Kollege Töff fährt, kam durch einen Zufall raus. Kurz nachdem ich erfuhr, dass er eine GSX 1400 pilotiert, sprach er von seinem zweiten Töff, bevor er zu der 800er seiner Frau kam. Den zweiten Kollegen traf ich in Bern an einem regnerischen Novembertag. Ich erwähnte das viele Laub auf den nassen Strassen und mit dem Blick durch das Fenster auf eine 1150er BMW, dass ein Verrückter sogar bei diesem Wetter mit dem Mopped gekommen ist. Als mein Blick vom Fenster wieder zu ihm zurückkehrte, sah ich ein breites Grinsen und seinen rechten Zeigerfinger, mit dem er auf sich zeigte. Unnötig zu erwähnen, dass seine Frau auch ein Töff fährt.

Angesichts der ruhigen Mentalität machte ich mir hinsichtlich der Tour wenig Sorgen, bis ich bei meinem letzten Termin in Bern durch eine Bemerkung der beiden untereinander etwas stutzig wurde. Die beiden in Alter und Erfahrung schon etwas fortgeschrittenen Herren überlegten, welche Pässe sie mir zeigen wollten. Ich hörte die Worte “alter Gotthard Pass” und fragte nach, ob sie damit die alte Strasse mit den Pflastersteinen meinen würden. Die überraschten Gesichtsausdrücke und die Gegenfrage, ob ich davon schon gehört hätte, ließen mich für die Tour mit dem Schlimmsten rechnen.

Der Plan war von Bern aus den Osten der Schweiz anzupeilen und über den Susten-, Furka- und Grimselpass den Nufenenpass abzurollen. Anschließend wollten wir dem Gotthard einen Besuch abstatten. Planung ersetzt bekannterweise den Zufall durch das Chaos. Am Morgen der Tour waren genau für diese Region für den ganzen Tag schwere Gewitter angekündigt. Zweifel an der Meinung der Frösche verschwanden angesichts der dunklen Wolken im Osten, die bereits Bern erreichten.

Im Westen wartete dagegen Frankreich mit voraussichtlich trocknem Wetter. Bei der spontanen Neuwahl des Zielgebiets fiel mir ein durchaus bemerkenswerter Unterschied zu meiner Heimat auf. In Braunschweig stehe ich vor der Frage, ob ich ins Weserbergland, in den Harz, zum Kyffhäuser oder einfach mal wieder nach Hamburg fahren möchte. Die Schweiz ist ein kleines Land, das hat auch ungeahnte Vorteile. Welcher Staat darf es denn heute sein: Deutschland, Frankreich, Ö?sterreich oder Italien – kein Gebiet, dass nicht mit einer Tagestour erreichbar wäre.

Kurz vor dem Einsetzen meiner Ohrstopfen vernahm ich das Unwort ‘Autobahn’. Ich wies darauf hin, dass ich weder eine Schweizer Vignette habe noch eine kaufen möchte. “Dein Töff fährt auch ohne Vignette gut”, sagte der eine. “Auch auf der Autobahn”, der andere. Aha, diese Nummer also. Es war Dienstag, ich hatte Urlaub und Begleitschutz durch zwei Eingeborene, was sollte da noch schief gehen. Eine halbe Stunde und einen Tankstopp später waren wir in Bienne und mein Töff fuhr tatsächlich auch ohne Vignette problemlos.

Für den Fall, dass ein Schweizer Beamter mitliest: haha, das war natürlich ein Scherz: selbstverständlich hatte ich mir vor der Auffahrt auf die Autobahn noch eine Vignette gekauft und diese erst nach Verlassen der Schweiz wieder entfernt.

Falls jemand Bienne auf der Karte nicht findet, kann er nach Biel suchen. Bienne respektive Biel liegt in der fließenden Grenze zwischen der französischsprachigen und deutschsprachigen Schweiz. In Berndeutsch wird die Stadt auch Bieu genannt, viele Namen für die zweigrößte Stadt im Kanton Bern. Als Gast kann man in dieser Region guten Gewissens davon ausgehen, dass die Anwohner sowohl deutsch als auch französisch sprechen können. In der Gegend, die sich mehr zu der deutschen Sprache hingezogen fühlt, soweit man das Schweizerdeutsch der deutschen Sprache zurechnen kann, sprechen die Leute auf Wunsch auch französisch. Die sprachlichen Allüren der Franzosen wurden dagegen zumindest teilweise in den französisch-orientierten Teil der Schweiz importiert. Deutsch spricht dort nicht jeder, obwohl es mehr oder minder jeder kann und sehr wohl die Flüche der deutschsprachigen Gäste versteht.

Aber ich schweife ab. Von Bienne aus fuhr die BMW R1150R vorne weg, die Suzuki GSX1400 hinterher und in der Mitte eine rot-silberne GSX750F, auf der ich fleißig im Getriebe rührte, um in diesem Schweizer Sandwich nicht den Anschluss an den Boxer vor mir zu verlieren. Auf, soweit vorhanden, einer kleinen Nebenstraße fuhren wir entlang der Hauptstraße über La Heutte, Sonceboz-Sombeval und Tavannes durch Tremal.

In einer der zahlreichen Kurven richtete sich vor mir plötzlich die BMW auf. Ungefähr zeitgleich ging das Bremslicht an, die kardangetriebene Kuh baute ankergleich Geschwindigkeit ab und neigte sich kurze Zeit später wieder ohne Bremslicht in die Kurve. Ich sprach den guten Mann beim nächsten Stopp darauf an. Er war für die Kurve zu schnell gewesen und das war die übliche ABS-Gefahrenbremsung, die er eingeübt hätte: aufrichten, ankern, Bremse lösen.

Kurz hinter Le Cemil bog er in einer Linkskurve auf eine Art asphaltierten Feldweg ab – natürlich ohne vom Gas zu gehen. Das Rütteln der ersten Weidefalle zeigte an, dass diese Straße nicht nur von Zweibeinern genutzt wird. Durch die Weidefallen erinnerte mich diese Straße etwas an die von mir als “Grenchenpass” bezeichnete Strecke. Hinter Les Enfers warteten ein paar Serpentinen auf uns, wir hielten aber nicht an. Über Soubey und Montenol erreichten wir dann Saint-Ursanne.

Was ist das: das Ziel ist nur 90 km vom Startpunkt entfernt, die Strecke hat aber eine Länge von 430 Kilometern? Gut, es könnte eine beliebige Motorradtour sein, in diesem speziellen Fall meine ich aber den französisch-schweizerischen Fluss Doubs. Der Name, der aus dem Lateinischen kommt und mit “ungewiss” übersetzt werden kann, ist Programm. Neben seiner Richtung wechselt auch die Flussbreite sowie die fließende Wassermenge sehr stark. Als Moppedfahrer interessiert hier vor allem die ständig wechselnde Richtung in den Fällen, in denen der Doubs von einer Straße begleitet wird.

Ab Saint-Ursanne folgten wir in westlicher Richtung der Straße entlang dem Doubs, den wir bei Soubey erstmals überquert hatten und der in Saint-Ursanne seine Richtung mal eben in einem Bogen um knapp 180 Grad geändert hat. Hinter La Motte passierten wir die französische Grenze und kamen über Vaufrey nach Saint-Hippolyte. Direkt an der Kreuzung gibt es das Restaurant “Les Terrasses”. Angesichts der sich selbst an diesem Werktag schnell mit Moppeds füllenden freien Fläche vor den draußen stehenden Tischen scheint es offensichtlich ein bekannter Motorradtreff zu sein.

An einem der Tische kamen wir auf einen Abschnitt der zurückgelegten Strecke zu sprechen, der sehr stark mit Rollsplitt bedeckt war. Eine GSX750F sowie eine GSX1400 reduzierten auf diesem Stück der Strecke deutlich das Tempo, nicht nur aufgrund des auf dem Visier aufschlagenden Rollsplitthagels des Vorausfahrenden, sondern auch aufgrund der durch rutschende Räder bedingten Unruhe im Fahrwerk. Der Kuhtreiber verstand das Problem nicht. Wir einigten uns darauf, dass das erste R seiner Modellbezeichnung nicht für die Boxer-Serie von BMW steht, sondern die Abkürzung für Rollsplitt ist.

Nach der Pause fuhren wir noch ein Stück entlang des Doubs bis Noirefontaine, dann begaben wir uns auf eine Nebenstraße, die uns über Le Champ-du-Moulin und Valonne nach Vellerot-lès-Belvoir führte. Über eine breitere Straße kamen wir über Glainans und Rang wieder zu dem Doubs zurück, der nach einem zwischenzeitlichen Schlenker in nordöstlicher Richtung wieder in eine westliche Richtung floss. Irgendwie scheint das Flüsschen wirklich nicht zu wissen, wohin es will.

Über Clerval und Chaux-lès-Clerval peilten wir Baume-les-Dames an. Kurz hinter dem östlichen Ortseingang befindet sich auf der linken Straßenseite die Pizzeria ‘La Medusa’. Das Essen war nicht übermäßig gut aber auch nicht schlecht, was laut Aussage der beiden Schweizer für ein französisches Straßenrestaurant schon sehr viel wert sei. Im Vergleich zu den Schweizer Restaurantpreisen war es jedenfalls auch bezahlbar.

Wir rollten entlang der N83 weiter bis Dessus und bogen dann nach Deluz ab. Über kleine Straßen entlang des Doubs fuhren wir bis Chalèze, anschließend einmal quer durch Besançon um weiterhin auf der N83 über Beure die Abzweigung nach Chenecey-Buillon zu erreichen. Über Charney und Cessey kamen wir wieder zurück auf die N83, der wir bis zur Abzweigung auf die D467 kurz vor Rennes-sur-Loue folgten. Über die D467 passierten wir Salins-les-Bains, Pont-d’Héry und Champagnole.

Nach einem Stück auf der N5 bogen wir in La Bilaude auf eine kleine Nebenstraße nach Syam, die uns über Les Planches-en-Montagne und Foncine-le-Bas zur D437 brachte. Wir befanden uns inzwischen auf dem Rückweg. Kurz vor Mouthe bogen wir nach Chez Cornet ab. Hinter Landoz-Neuve passierten wir die Grenze zur Schweiz. In Les Charbonnières kamen wir auf die Straße nach Vallorbe. Von dort ging es auf einer Nebenstraße zur Autobahn 9 über Lignerolle bis Orbe.

Waren wir bis zu diesem Punkt von oben immer trocken geblieben, waren auf den letzten Teilstücken die Straßen häufiger nass gewesen. Hier und da hingen dunkle Wolken am Himmel, aber wenn Engel reisen regnet es bekanntlich nicht – sagte einer, der meinen Nicknamen nicht kannte. Bei einem kleinen Zwischenstopp wurde die weitere Route bis Bern besprochen. Im letzten Jahr machte mir der Regen einen Strich durch die Rechnung, diesmal wollte ich zu der Aussichtskuppe Vue-des-Alpes. Einer der beiden Schweizer kannte diesen Flecken auch noch nicht, damit war die Sache geritzt.

Ausserdem waren wir der Meinung, dass ein Eisbecher eine gute Idee wäre, um der Wärme der zwischen den vereinzelten dunklen Wolken kräftig strahlende Sonne etwas entgegen zu setzen. Ich schlug irgendein Eiscafé entlang des weiteren Weges vor, worauf mir die beiden Schweizer versicherten, dass es Eiscafés in der Schweiz nicht gäbe – vielleicht von vereinzelten Ausnahmen abgesehen. Eisbecher gäbe es in Restaurants. Ich war angesichts dieser Aussage etwas irritiert, muss aber zugeben, dass ich mich an kein Eiscafé in Bern erinnern kann – wogegen mir in Braunschweig gleich ein gutes halbes Dutzend alleine in der Fußgängerzone einfallen.

In Valeyres-sous-Rances hielten wir an der ‘La Veille Auberge’, die auch Eisbecher anbot. Gut gekühlt verschwanden wir eine halbe Stunde später über Baulmes und einer sich am Berg hochschlängelnden Straße in der Walachei, über La Gittaz-Dessus kamen wir nach Sainte-Crox. Die Strecke über Noirvaux bis Fleurier war mir vom letzten Jahr noch bekannt, ab Fleurier fuhren wir dann aber weiter nördlich über Les Sagnettes zum Dorf La Brévine, das häufig als der kälteste Ort der Schweiz genannt wird. Dies dürfte im Sinn von ‘das kälteste Dorf, in dem eine Messstation steht’ zu verstehen sein. Temperaturen von minus 30° C sind im Winter keine Seltenheit, die minus 40° C wurden auch schon unterschritten. Es war dort tatsächlich gefühlt sehr kühl – vielleicht spielte uns aber auch nur das Wissen einen Streich.

Die feuchte Straße wurde wieder zur nassen Straße und half bei der Beantwortung der Frage, wofür das zweite R bei der R1150R steht: für Regen. Ein vermutlich durch Teerflicken in der nassschwarzen Straße ab und zu rutschendes Hinterrad dämmte jedenfalls meine Freude am Gasgriff zu drehen deutlich – dem Kollegen auf der GSX1400 ging es ähnlich. Nur die 1150er Kuh pfeilte sich durch die Nässe, als ob es sie nicht gäbe. Über Le Locle erreichten wir nicht nur La Chaux-de-Fonds, sondern auch wieder trockenen Asphalt.

Der Blick vom Parkplatz ‘La Vue-des-Alpes’ war eingeschränkt. Von diesem Punkt aus soll man bei schönem und klarem Wetter einen Blick auf den Mont Blanc haben können – den höchsten Berg der Alpen, der knapp vor der Schweizer Grenze in Frankreich und Italien liegt). Er wird auch gerne als höchster Berg Europas bezeichnet, dies ist aber zumindest umstritten. Je nachdem ob der Kaukasus oder die weiter nördlich liegende Manytschniederung als Grenze zwischen Europa und Asien angesetzt wird, darf der knapp 850 Meter höhere Elbrus im Russland diese Ehre für sich in Anspruch nehmen. Hier streiten sich noch die Gelehrten.

Aber egal welcher Berg der höchste in den Alpen ist: angesichts des etwas diesigen Wetters war weder der eine und erst recht nicht der andere Berg zu sehen, immerhin aber noch das andere Ufer des Neuenburger Sees. Dieser ist zwar nicht der größte See in der Schweiz, aber immerhin der größte See, der vollständig in der Schweiz liegt. So ganz nebenbei: die französisch-deutsche Zweisprachigkeit dieser Region führt zu dem interessanten Effekt, dass ich im Fall von Neuenburg den französischen Namen bevorzuge, bei dem gleichnamigen See aber den deutschen. Freunde der französischen Sprache werden nicht auf den Neuenburger See schauen, sondern auf den Lac de Neuchâtel. Letztendlich ist es aber der gleiche.

In diesem Sinn fuhren wir über Malvilliers ins knapp 1000 Jahre alte Neuchâtel (Neuenburg), dem Hauptort des gleichnamigen Kantons. Auch wenn meine Ankunft im letzten Jahr im Zeichen der Regens stand, der frühmorgendliche Blick aus der privaten Villa ruft positive Erinnerungen ab. Eigentlich ein schöner Ort um sich in ein Eiscafé setzen zu können, aber die soll es ja nicht geben. Über Thielle-Wavre fuhren wir weiter in Richtung Bern.

Der aus den Niederlanden eingewanderte und in der Nähe des Sees wohnende Schweizer lud uns ein, noch etwas auf seiner Terrasse zu trinken. Er hatte bei einer Pause auch zugegeben, einen Wohnwagen zu besitzen – ich hatte aber auch nichts anderes erwartet. Beim Abbiegen von der Hauptstraße in seinem Dorf war ich dann doch etwas über das Schild “Zum Campingplatz” irritiert – aber nein, dort wohnte er dann doch nicht. Nach einem Tourabschlussumtrunk machte ich mich mit dem anderen Kollegen über die Autobahn 1 auf bis nach Bern. Meine selbstverständlich vorhandene Vignette wollte keiner sehen.

2 Kommentare zum Artikel “Schweizer Töff-Sandwich”

  1. Deine Reiseberichte sind wirklich schoen zu lesen. Auch diese Tour klingt sehr gut und die Bilder weisen auf eine ziemlich schoene Strecke hin. Als offensichtlich Landschaftsbegeisterter und Freund der Alpen wird dir sicher die Route der von Metzeler organisierten Tour “Experts on the road 2008” gefallen, die heute begonnen hat und von Turin nach Muenchen fuehrt. Ich berichte darueber in meinem Blog und werde auch Fotos und Videos reinstellen. Wenn du Lust hast, guck doch mal rein.

    Bis dahin schoene Gruesse
    Alex – Mr.Wheel – http://www.ridexperience.de

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