Irgendwann

Im Morgengrauen, als die von Osten aufsteigende Helligkeit ganz langsam begann die bis dahin undurchdringliche Dunkelheit aufzubrechen, wurde ihm bewußt, wie lange er schon auf der alten Holzbank am See saß. Es war warm, viel zu warm für eine Nacht im Mai, sie paßte aber zu dem sehr milden, fast nicht da gewesenen Winter. War das der Grund, dass es in seinem Kopf so tobte? Kühlt der jährliche Winterfrost auch die Emotionen, die wirren Gedanken, die Sehnsüchte, die sich im Laufe eines Jahres anstauen? Dann müßten ja eigentlich auf den anderen Bänken auch einsame Gestalten sitzen, aber er sah keine. Er sah raus zum See, sah die langsam zunehmende Helligkeit, sah wie sich das Licht auf der ruhigen, nahezu glatten Wasseroberfläche spiegelte. Der neue Tag begann und die unsichtbare Kraft der Verpflichtungen zog ihn wieder an.

Es mußte schon fast 6 Uhr sein, schloß er aufgrund der Helligkeit. Er beugte sich nach vorne, legte seinen Kopf in seine Hände, verteilte die Last mit seinen Ellenbogen auf die Knie. Seine Fingerkuppen kratzten leicht über die Bartstoppeln vor seinen Ohren. In zwei Stunden der erste Termin im Büro, in 14 Stunden die Einladung von den Freunden seiner Frau, die nie seine Freunde werden würden. Wieder ein verlorener Tag in einer endlosen Kette verlorener Tage. War es das, wofür er lebte? Sich bereits am Morgen nach dem Zeitpunkt zu sehnen, an dem der Tag ein Ende hatte und der Schlaf ihn vom Nachdenken befreite?

Seine Gedanken kehrten wie so häufig in der letzten Nacht zum gestrigen Tag zurück. Zu dem letzten Gang, auf dem er seinen Freund begleitet hatte. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie er ihn kennen gelernt hatte und es erschien ihm irgendwie seltsam. Er hatte von jeder Frau, die ihn eine zeitlang durch sein Leben begleitet hat, das Bild vom ersten Moment in Erinnerung. Das erste Lächeln, der erste Kuss. Wie er einen Freund kennen gelernt hat, der ihm deutlich länger als all die Frauen zur Seite stand, weiß er nicht mehr. Nur Bruchstücke der Erinnerungen auf einem gemeinsamen Weg, der plötzlich ein Ende fand.

Für 38 Jahre hat es gereicht, magere 38 Jahre und einen Berg von unerfüllten Träumen. Keine vier Wochen war es her, als sie im Irish Pub gesessen und zum hundertsten Mal über die geplante Amerika-Tour gesprochen hatten. Von New York bis San Fransisco auf zwei Harleys. Nightrods sollten es sein, schwarze Nightrods. Keine Frauen, keine Termine, keine Verpflichtungen. ‘Wir machen das’, hatte sein Freund ihm mit einem befreiten Lachen zugerufen, ihm dabei auf die Schulter geklopft bevor er die nächsten beiden Biere von der Theke holte, ‘irgendwann nehmen wir uns die Auszeit und dann fliegen wir rüber’. “Irgendwann war zu spät Kumpel”, flüsterte er zu sich selbst.

Das Schlagen eines Kirchturms riß ihn aus seinen Gedanken. Sechs Schläge zählte er, sechs Uhr. Er lächelte darüber, dass seine Zeitschätzung richtig war, wanderte dann mit seinen Gedanken wieder zurück zum Tag zuvor. Wie sie dort alle an der Tafel gesessen, gespeist und vor allem getrunken hatten. Leichenschmaus nennt man es, man soll vergessen und wieder lachen – doch ihm war nicht nach lachen zu Mute. Die anderen tranken, lachten, erzählten ihre Geschichten. Was waren es doch für tolle Zeiten, was hat man nicht alles erlebt. Als ihm bewußt wurde, wie lange die alten Geschichten schon her waren, war er ganz ruhig geworden. Die Glorifizierung der Vergangenheit um nicht über die Gegenwart nachzudenken, nie zuvor war es ihm so aufgefallen.

Er war nicht gleich gegangen sondern hatte noch ein Weilchen still zugehört. Von den Gesprächen über die guten, alten Zeiten sprang man direkt zu den Träumen, zu den Dingen, die man noch machen wollte, irgendwann. Irgendwann war er wortlos aufgestanden, gegangen und nach Hause gefahren. Später dann, als er es zu Hause nicht mehr aushielt, fuhr er raus zum See, der westlich des Stadtrandes liegt, setzte sich auf eine Holzbank und versuchte mit der Ruhe des Sees den Sturm in seinem Inneren zu besänftigen.

Zeit zu gehen, dachte er, als sich die Sonne am Horizont langsam über die Baumgipfel schob. Er kehrte zu seinem Auto zurück und fuhr zur Ausfahrt des Parkplatzes, die direkt in die Hauptstraße mündet. Auf der anderen Straßenseite sah er ein altes Plakat mit Zigarettenwerbung. Einen kurzen Moment starrte er auf die skurrile Szene und die zur Marke passenden Worte, dann mußte er lachen. Er verharrte noch einen Moment, bevor er auf die Hauptstraße bog. Kurze Zeit später spürte er, wie die stärker werdenden Strahlen der aufgehenden Maisonne durch die Heckscheibe fielen.

(Zum Artikel in der Schreibwerkstatt)

2 Kommentare zum Artikel “Irgendwann”

  1. Schlüssig geschrieben finde ich deine Geschichte. Und obwohl ich offene Enden normalerweise nicht mag, ist es hier sehr passend. Ich mache mir Gedanken, ob dein Protagonist nun allein nach SF geht, ob er überhaupt nach Hause fährt oder ob er gleich sein Leben umkrempelt und lebt, lebt, bevor es zu spät ist. “Die Glorifizierung der Vergangenheit, um nicht über die Gegenwart nachzudenken”, diesen Satz finde ich besonders treffend und ich habe an deiner Geschichte, nichts, rein gar nichts zu kritisieren, sie hat mir ausnehmend gut gefallen.
    Ich gratuliere dir herzlich zum Gewinn des Wettbewerbs und gestehe, dass ich mir auch Gedanken gemacht habe. Aber ich habe nur zwei Männer auf Pferden vor meinem geistigen Auge gesehen und kam darüber einfach nicht hinaus …

  2. Kritik? Ich habe mehrmals und intensiv gelesen, habe nach irgend etwas gesucht, dass mir missfällt, etwas, dass ich bemängeln kann, aber ich finde nichts. Die Story ist genau so wie sie ist, perfekt erzählt. Keine Brüche in der Stimmung, keine Brüche im Erzählstil. Es ist eine von der Art Geschichten, die mich ganz still werden lassen, zu denen ich weinen und hoffnungsvoll zugleich lächeln möchte. Ein stiller, ruhiger Moment zwischen Tag und Nacht. Trauer, Melancholie und leise, ganz leise auch Verzweiflung. Ein Moment, wie ihn jeder kennt, dann, wenn er an einem Wegpunkt ankommt, der endgültig ist. Dankbar bin ich über das Lachen am Ende der Geschichte. Das Leben besteht aus Wegpunkten, Träumen, zerplatzten Illusioen – und aus Hoffnungen. Leben wir es. Leben wir es einfach.

    Danke.

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