Sterbende Hoffnung

Das kräftige Blau des Fußbodens unterstützte die kalte Atmosphäre in dem Raum. Grelles Licht schien durch das Seitenfenster und obwohl sie erst vor einer halben Stunde das Gebäude betreten hatte, konnte sie nicht sagen, was sich auf der anderen Seite der Glasscheibe befand. Das Licht reklektierte an den weißen Wänden und ließ die Wärme, die von den anderen Personen in dem Raum hätte ausgehen können, im Keim ersticken.

Fünf Personen warteten mit ihr auf ein ungewisses Schicksal, vor kurzem war es noch einer mehr. Vor zehn Minuten wurde ein alter Mann mit gebückter Haltung aus dem Raum geführt – er war ihr gleich aufgefallen, als sie den Raum betreten hatte. Nicht seine etwas zerrissene Kleidung war es gewesen, auch nicht der rote Fleck im Bauchbereich, sondern sein resignierter Gesichtsausdruck, in dem sie kaum noch Leben gesehen hatte. Der Rest war gewichen, als er aus dem Raum geführt wurde.

Aber diesen Wandel machten alle mit, sie spürte ihn bei sich selbst auch bereits. Wer in den Raum kam, hatte noch Hoffnung. ‘Die Hoffnung stirbt zuletzt’, heißt es immer, aber das stimmt nicht: die Hoffnung stirbt vorher. Sie stirbt in diesem Raum, sagte sie sich. Lange würde es nicht mehr dauern, sie spürte es, dann wäre sie dran. Und wie die anderen, die abgeholt wurden, würde auch sie nicht wieder zurückkommen.

Ein kurzer, kehliger Schrei war zu hören. Die junge Frau gegenüber schreckte kurz hoch, sackte aber gleich wieder in sich zusammen und richtete ihren traurigen Blick wieder auf den blauen Fußboden. Der Schrei kam aus dem Inneren des Gebäudes. Kam er von dem alten Mann? Wahrscheinlich – die Frau, die vor dem Mann abholt wurde, hatte es vermutlich schon hinter sich. Mit jedem Schrei starb wieder ein Stück Hoffnung, ihr war langsam alles egal. Sollen sie doch kommen und sie holen, dann hätte die Qual endlich ein Ende, dachte sie sich.

Sie hörte leise Trittgeräusche, die von der anderen Seite der Tür kamen. Die Türklinke bewegte sich langsam etwas nach unten, verharrte dann. Es wurden Worte gewechselt, sie konnte sie aber nur bruchstückhaft verstehen. Wer war jetzt dran? War sie es schon? Berieten sie noch draussen? Sie atmete tief durch, bereitete sich auf ihr Schicksal vor. Die Tür ging auf und sie hörte ihren Namen. Gebeugten Hauptes folgte sie der anderen, betrat einen weißen Raum und legte sich auf den Stuhl, der sie in eine halb-liegende Position zwang. Eine kleine Schweißperle ran ihr über die Stirn. Sie schüttelte den Kopf: ob sie je die jährliche Untersuchung beim Zahnarzt angstfrei erleben würde?

2 Kommentare zum Artikel “Sterbende Hoffnung”

  1. Du hast mich perfekt in die Irre geführt. Ich dachte an Orwell oder die Stasi und sonstige, gewichtige Kost und dann ist es der Zahnarzt … Jemand wie ich, der überhaupt keine Angst vor dem Zahnarzt hat, kann darüber lachen aber ich glaube, du hast die Befindlichkeiten eines Menschen, der tatsächlich Panik vor einem solchen Besuch schiebt, gut eingefangen. Man wird ja leicht paranoid, wenn man sich als “Opfer” in so einer Stresssituation befindet. Ich weiß nicht, was du hast. Mir hat’s gut gefallen!

    • Ich sehe den Zahnarzt auch gelassen – saß aber zu dem Zeitpunkt, als ich über einen Satz nachgegrübelt habe, im Wartezimmer meines Zahnarztes. Dort lag ein blauer Teppich, dort kam mir die Idee zu der Geschichte.

      Ich weiß nicht, was mir nicht gefällt, irgendwie fehlt noch etwas, finde ich…

      Ok, auf zu der nächsten Geschichte. Wobei ich den Mai wohl aussetzen werde, mit dem diesmaligen Anfangssatz kann ich nichts anfangen. Aber derzeit scheint eh soviel Sonne, eine Pause schadet da auch nicht.

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