Der Ersatzmann

Ich saß zwischen zwei Stühlen aber wie heißt es so schön: das Leben ist eine Folge von Entscheidungen und diese war eine davon. Und überhaupt: die Frau sah zwar sexy aus, aber ob das mit der Koje geklappt hätte, war ja auch noch offen. Und wenn sie mich wirklich mag, akzeptiert sie auch eine verschobenes Date. Vielleicht hätte ich sie vorher anrufen sollen. Zumindest dürfte sie beim Italiener nicht Hunger gelitten haben und genaugenommen war sie ja auch nicht alleine, das Restaurant ist nie leer. Bis bald Baby, ich melde mich am Montag.

Hier gibt es leider keine Lasagne, die würde aber auch nur viel zu schwer im Magen liegen. Bratwurst, Bier und Kaffee – dazu die von der Rennstrecke rüberwehende Aromamischung aus Benzin, Ö?l und verbrannten Gummi, was will man mehr. Die Hartgesottenen trinken hier ein Gemisch aus Rotwein und Cola und bezeichnen es als Vietnam oder so, könnte auch Korea heissen, irgendso ein Land im Nirwana. Naja, ich bin zum ersten Mal hier, abends Bier, morgens Kaffee – ich will es nicht gleich übertreiben.

Es ist jetzt Sonntag mittag. Ich sitze hier auf meiner Gixxer und warte auf den Start. Am Donnerstag abend hat mich mein Kumpel Kalle gefragt, ob ich Lust hätte einzuspringen. Der zweite Fahrer in seinem Team war ausgefallen. Beim Gardinenaufhängen fiel er von der Leiter und brach sich beim Aufprall auf dem chromverzierten Glastisch vier Rippen. Fahren könne er zwar prinzipiell, aber nicht atmen. Warum macht der Typ auch so gefährliche Sachen. Eine Lizenz habe ich zwar nicht, aber Kalle kennt die richtigen Leute und ein Motorrad um die Kurven tragen, das würde ich ja halbwegs hinkriegen. Ich mag Kalle. Dass er mich vorhin, nachdem ich den Reißverschluß meiner Kombi endlich zu hatte, als Preßwurst bezeichnet hat, lasse ich mal durchgehen.

Die vier Kolben unter mir füllen röchelnd den Liter Hubraum, lechzen nach Drehzahl, wollen ihre 180 PS über einen wimmernden Hinterreifen auf die Straße drücken und am Kurvenausgang schwarze Striche ziehen, das teure Gummi zerfetzen. Wenn ich ehrlich bin: ich will das auch. Aber noch stehen alle in der Startaufstellung und wenn ich wieder ehrlich sein darf: sie stehen alle vor mir.

Aber das ist mir egal, dabei sein ist alles, der olympische Gedanke ist eine gute Ausrede für die eigenen Fahrdefizite. Immerhin konnte ich am Samstag die Strecke kennen lernen. So viel wie ich ist vermutlich keiner gefahren, zumindest im Hinblick auf die Zeit. Ankommen ist alles, ich fahre hier nicht auf Platz oder gar Sieg. Kalles Vorgabe für das Rennen war sehr einfach und klar: nichts kaputt machen, etwas Spaß haben und die anderen vorbeilassen, wenn sie mich überrunden. Naja, letzteres will ich vermeiden, ich habe ja auch meinen Stolz.

Die Ampel springt um, die Kupplung schenkt dem Motor die Last, nach der er giert und mit kurzzeitig leicht angehobenem Vorderrad brause ich den anderen hinterher. Erster, zweiter, dritter Gang, der Drehzahlmesser schnellt immer wieder nach oben und die Zielgerade wird immer kürzer. Etwas früher als nötig werfe ich den Anker, lasse den Horizont zur Seite kippen und ziehe im zweiten Gang durch die Kurve. Nicht übertreiben, sagt mir mein Verstand, die Reifen sind noch kalt. Dein Vordermann ist aber schon 100 Meter weiter, sagt eine andere Stimme, während ich die zweite Kurve schon etwas mutiger anbremse.

Dritte Runde – ich habe es geschafft. Im Abstand von drei Metern fliege ich hinter meinem Vordermann über die Strecke. Wenn ich das Tempo halte, wird mich hier keiner überrunden. Langsam entspanne ich etwas, erfreue mich an den immer gleichmäßiger und lockerer durchfahrenden Runden. Die Reifen sind warm, krallen sich in den Asphalt, einzig beim Rausbeschleunigen bedarf es kurz hinter dem Scheitelpunkt einer vorsichtigen Gashand, um das Gummi auf der Felge zu lassen.

Fünfte Runde – das Feld ist immer noch relativ dicht zusammen und ich bin nur noch Vorletzter. Mein Vordermann hatte sich in der letzten Runde verbremst und ich habe das eiskalt ausgenutzt, bin innen an ihm durchgehuscht. Ganz langsam pirsche ich mich an meinen nächsten Vordermann ran. Wenn er ein Kennzeichen hätte, könnte ich bereits die Plakette lesen. Hatte ich schon erwähnt, dass auf der Zieltribüne unwahrscheinlich viele Frauen sitzen? Ich sage euch: das motiviert, sorgt für mindestens einen Millimeter mehr Gas beim Rausbeschleunigen aus der Kurve vor der langen Geraden.

Achte Runde. Inzwischen bin ich mir sicher, dass die langhaaringe Blonde vorne an der Boxengasse ganz speziell mich anschaut. Ausserdem bin ich bereits Zwölfter. Es ist wie ein Rausch. Inzwischen wird auch der Abstand zu der Spitzengruppe nur noch langsam größer. Kalle hat sich zwar erschreckt, als ich aus der letzten Runde im leichten Drift auf die Zielgerade bog, aber da habe ich auch noch auf die Blonde geachtet, das tue ich jetzt nicht mehr. Fahren ist angesagt, volle Konzentration auf das Fahren. Auf das Baucheinziehen verzichte ich inzwischen auch.

Noch neun Runden, ich bin Sechster und fahre absolut am Limit. Ich habe mit dem Rausdriften aus den Kurven aufgehört, um den hinteren Reifen etwas zu schonen. Den vorderen schone ich, indem ich ihn am Kurvenausgang etwas anhebe, damit er bis zum nächsten Bremspunkt wieder etwas abkühlen kann. Mein Scholli, der Motor geht wie Hölle. Inzwischen guckt nicht nur die Blonde zu mir rüber. Wenn ich von Anfang an so flott gefahren wäre, wäre ich vorne mit dabei – das gleiche Tempo habe ich inzwischen, leider auch noch 500 Meter Abstand. Ich muß schneller werden.

Noch fünf Runden, Platz drei. Meine Fangemeinde auf der Tribüne besteht inzwischen aus vier Blondinen und drei Brünetten, die mir bereits zuwinken. Die Kniepads haben ich in der letzten Runde abgerissen und weggeschmissen, sie limitierten die Schräglage zu sehr. Als Schutz gegen den schleifenden Asphalt habe ich zwischen dem Leder und den Knie ja noch die Protektoren in der Kombi, die müssen reichen. Vom Vordermann kann ich bereits die Kettenglieder zählen, aber sehen und vorbeikommen sind zwei Paar Schuhe. Eben drehte er sich kurz um, er wird schon nervös, den kriege ich noch.

Letzte Runde, ich bin am Limit und direkt hinter dem Führenden. Noch die Kurve vor der Zielgeraden und das Stück bis zur karierten Fahne, dann ist das Rennen vorbei. Ich hänge direkt am Hinterrad des Führenden, kann seinen Schweiß riechen und spüre, er kann nicht mehr nachlegen. Plötzlich habe ich eine göttliche Eingebung: brems einfach drei Meter später und fahre mit etwas mehr Schräglage – das geht noch. Und wenn es nicht klappt: das Kiesbett fängt dich auf. Der Zweite ist der erste Verlierer, also wage ich es.

Ich ziehe kurz vor dem Bremspunkt etwas nach innen, schiebe mich neben die Nummer 17 und ankere mit allem, was ich habe. Das Kiesbett taucht in Großaufnahme vor mir auf, doch meine Augen suchen erst das Kurveninnere, dann den Kurvenausgang. Ich drücke die Maschine mit wild schlingerndem Heck in die Schräglage. Asphaltbrocken, die von dem auf der Straße schleifenden Lenkerstummel aus der Straße gerissen werden, fliegen an meinem Kopf vorbei, vereinzelt knallt auch ein Stückchen gegen das Visier. Am Kurvenausgang richte ich die Maschine durch ein kurzes Zucken des Ellbogens auf und donnere mit zwei Meter Vorsprung auf dem Hinterrad durch das Ziel. Freudentränen laufen meine Wangen hinunter, meine weiblichen Fans haben sich die Kleider vom Leib gerissen und laufen in Richtung Boxenmauer, um mich zu empfangen.

Doch was ist das? Der Motor bockt, das ganze Motorrad wird unruhig. Durch einen kurzen Stupser auf die Hinterradbremse drücke ich das Vorderrad wieder zurück auf die Straße. Die Maschine wackelt immer noch wie Götterspeise, schlägt unkontrollierbar nach links und rechts. Jetzt nur nicht langmachen, denke ich, und höre plötzlich Stimmen. Während ich mich frage, ob mich der Wahnsinn übermannt, verschwindet das Ende der Zielgeraden im Nebel und die Stimmen werden lauter und deutlicher. Es ist nur eine und die kommt mir bekannt vor. Wo ist die verdamte Kurve hin, ich sehe nichts mehr, und wieso Aufwachen?

Ich öffne meine Augen und schaue in ein etwas genervtes Gesicht. “Brumm, Röhr, Jeeääähh. Könntest du bitte verdammt noch einmal träumen, ohne dabei Motorgeräusche nachzumachen? Ich kriege hier kein Auge zu!”, werde ich angeschnauzt und sehe noch, wie sich die beste Frau von allen wieder auf ihre Bettseite verzieht. Ausserdem fällt mir gerade ein: ich war noch nie auf einer Rennstrecke und eine Liter-Gixxer habe ich auch nicht.

(Zum Artikel in der Schreibwerkstatt)

3 Kommentare zum Artikel “Der Ersatzmann”

  1. Schön geträumt, möchte ich auch mal. Aber wenn ich in mir gehe ist keiner da.

    • Doch, da ist jemand: du. Kaum übersehbar, sowohl physisch als auch im Hinblick auf die gute Seele. Ö?ffene einfach die Augen, dann siehst du dich :-)

  2. Sehr schön geschrieben und zu lesen. :-)

    Solche Träume habe ich übrigens auch gelegentlich.

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